Runter vom hohen Ross: Politik und Medienwandel

Politik / 02.12.2019 • 22:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die SPÖ kündigt vor Weihnachten 27 Menschen aus ihrem Partei-Apparat, noch dazu via Mail – und dem Publikum gefällt das nicht: Ausgerechnet die Sozialdemokratie, in der Solidarität immer groß besprochen wird, zumindest in Parteitagsreden. Seit Tagen hat man viel und zu Recht über die Performance von SPÖ-Chefin Pamela Rendi-Wagner diskutiert, allerdings zu wenig über die strukturellen und inhaltlichen Probleme der Partei. Dass die Kündigungs-Geschichte so groß wurde, ist auch ein Zeichen des unbeholfenen Umgangs von traditionellen Parteien mit neuen Öffentlichkeiten. Schon einmal etwas von Medienwandel und Umgang mit Social Media gehört?

Parteien ringen heute mit starren Strukturen, Bewegungen wie Fridays for Future und neuen Anforderungen – wie jene der Öffnung und der Transparenz. Der Umgang mit Kommunikationstechnologien hat die Politik verändert, nur weiß diese noch nicht, wie sie mit der neuen Zeit umgehen soll. Gerade in Krisenzeiten, wenn man sich „den Menschen da draußen“ (Politikersprache) besser erklären müsste, tritt dieses Unverständnis zu Tage.

Viel schneller, viel größer

Die SPÖ hat nun gezeigt, wie man es sicher nicht macht. Man nutzte Social Media im vergangenen Wahlkampf zwar besonders eifrig für nette Werbebotschaften, hat aber offensichtlich wenig Ahnung, was tun, wenn es eng wird. Also gibt man wie früher mal eine Pressekonferenz zum Thema Sparen und Kündigungen, lässt sich für die „ZiB“ filmen; das Mail an die von der Kündigung betroffenen Mitarbeiter landet währenddessen natürlich bei Medien, diese verbreiten die wilde Geschichte umgehend auf Facebook, Twitter und Co; einige gekündigte Mitarbeiter posten ihre verständliche Enttäuschung über den Umgang mit ihnen; vor der Löwelstraße formiert sich ein Flashmob, dafür braucht man keine große Organisation mehr – und alles ist viel schneller, viel größer als früher, der Apparat überrumpelt. Parteimanager Christian Deutsch versteht die Welt nicht mehr. Ja, früher war vieles besser, gerade auch für Parteimanager.

Er ist nicht alleine. Auch die deutsche CDU hat im vergangenen Mai erlebt, was passiert, wenn man mit der Öffentlichkeit nicht umgehen kann – oder will. Der junge Influencer Rezo löste mit seinem YouTube-Video „Die Zerstörung der CDU“ kurz vor der Europa-Wahl eine große gesellschaftliche Debatte über die Regierungspolitik in Deutschland aus. Die CDU reagierte von oben herab und zögerlich auf die Polemik, anstatt sich mit der Kritik auseinanderzusetzen: Jetzt glauben schon irgendwelche Typen mit blauen Haaren, sie können Politik beurteilen!

Derzeit verzeichnet Rezos Video mehr als 16 Millionen Zugriffe. Die Politik oben, „die Menschen da draußen“? Es wäre Zeit für ein Ende der Arroganz.

„Die Politik oben, ,die Menschen da draußen‘? Es wäre Zeit für ein Ende der Arroganz.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt