Verbrechen gegenüber den Jungen

Politik / 06.12.2019 • 22:40 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Seit Ende der 1990er Jahre ist eine halbe Million Schüler zusammengekommen, die zum Abschluss der Schulpflicht noch immer kaum lesen können. In Österreich, wohlgemerkt. Das lässt sich über die PISA-Studien ermitteln: Ein Ergebnis davon lautet jedes Mal, dass ein Viertel außer Stande sei, einen einfachen Text zu erfassen. Das entspricht rund 25.000 jungen Leuten pro Jahrgang. Wobei man schwer sagen kann, was schlimmer ist: Diese Tatsache oder der Umstand, dass sie der Politik egal ist. Beides ist unerträglich. Wir würden in einer Wissensgesellschaft leben, heißt es in Sonntagsreden. Das ist korrekt: Umso wichtiger wäre es aber auch, eine Schule mit Lehrern zu schaffen, die möglichst viele Kinder möglichst weit bringen können. Und zwar unabhängig von ihrer Herkunft.

Selbst wenn das Schicksal Einzelner bedeutungslos sein sollte, ist es ein Verbrechen, sich nicht darum zu bemühen: Wir befinden uns schon länger in einer globalisierten Welt, in der wir eigentlich nur noch mit klugen Leuten wettbewerbsfähig sein können. Betriebe sind darauf angewiesen.

ÖVP blockiert ÖVP

Kein Wunder, dass daher gerade auch aus der Wirtschaft der Ruf nach einer Gemeinsamen Schule für 10- bis 14-Jährige kommt. Selbstverständlich mit innerer Leistungsdifferenzierung, Förderung, aber auch Forderung. Ja, in der Landespolitik findet sich dieser Punkt sogar im schwarz-grünen Regierungsprogramm. Nicht einmal in der hiesigen Volkspartei wird diese Vereinbarung von Markus Wallner (ÖVP) und Johannes Rauch (Grüne) jedoch ernst genommen. Da gehen die Botschaften weiterhin auseinander. Ganz zu schweigen von der türkisen Bundesriege, die von Sebastian Kurz geführt wird. Sie will nichts davon wissen.

Was absolut vertretbar wäre, wenn von ihr irgendein anderer konstruktiver Reformvorschlag kommen würde. Doch Fehlanzeige. Außer der Wiedereinführung von Noten an Volksschulen und der Separierung von Kindern, die schlecht Deutsch können, ist da nichts. Sprich: Man muss davon ausgehen, dass es auch bei der nächsten PISA-Studie wieder heißen wird, ein Viertel der Jugendlichen könne kaum lesen. Mit schwerwiegenden Folgen für sie selbst, aber eben auch den Standort.

Wer zahlen darf

Diese Verhaltensweise der Politik ist bezeichnend für ihre Zukunftsvergessenheit. Was morgen ist, ist uninteressant. Siehe auch die jüngste Meldung aus den Sozialversicherungen: Zum sogenannten Personalabbau im Zuge der türkis-blauen Zusammenlegung werden dort Leute mit 57 in Richtung Frühpension verabschiedet. Mit 57! Eine unheimliche Unverschämtheit gegenüber Jungen, die das letzten Endes bezahlen müssen. Ob sie das nun erfassen können oder nicht.

„Politik ist zukunftsvergessen: Bildungsdefizite sind egal, bei den Sozialversicherungen gibt es Frühpensionierungen.“

Johannes Huber

johannes.huber@vn.at

Johannes Huber betreibt die Seite dieSubstanz.at – Analysen und Hintergründe zur Politik.