Warum Erdogan zum Sprung nach Libyen ansetzt

Politik / 10.12.2019 • 10:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Erdogans Bündnis mit Sarraj berührt die Migrationsproblematik. AFP

VN-Hintergrund: Totalkontrolle von Mittelmeeröl und Flüchtlingen.

Heinz Gstrein

tripolis „Nie wieder Türken“ verkünden in Tobruk Spruchbänder der Anhänger von Khalifa Haftar. Der einstige Revolutionskamerad und dann Spitzenmilitär des 2011 ermordeten Langzeitdiktators Muammar al-Gaddafi beherrscht heute das östliche Libyen. Seit 8. Dezember aber nicht mehr die See vor seiner Küste. Die haben Machtrivalen in Tripolis an die Türkei verschachert: Das westlibysche Regime von Fayez al-Sarraj einigte sich mit Ankara um eine Aufteilung des ganzen östlichen Mittelmeers und der Petroreserven in seinem Sockel.

Schulden beglichen

Sarraj, Libyens international anerkanntes Staatsoberhaupt, vergibt sich selbst nichts dabei: Die von ihm kontrollierten Offshore-Ölfelder von Al-Jurf liegen außerhalb der neu gezogenen Prospektionsgrenzen. Mit Abtretung des ostlibyschen Meeres bis zum griechischen Kreta und der Ägäis hinauf begleicht er auf Kosten von Haftar und ebenso der Griechen die Schulden bei Recep Tayyip Erdogan, der sein ziemlich exklusiver Waffenlieferant geworden ist. Ohne türkische Panzer und Kampfbomber hätte Sarraj Tripolis nicht halten können, als es letzten April und Mai von Haftars Truppen attackiert wurde.

Es ist nur wenig über 100 Jahre her, dass das osmanische Türkenreich 1912 seine letzten nordafrikanischen Besitzungen im heutigen Libyen an die Italiener verloren hat. Beim relativ langen türkischen Widerstand im Osten, wo heute Haftar regiert, zeichnete sich ein Major Mustafa Kemal Bey aus, der spätere Europäisierer Kemal Atatürk. Die Türken haben Libyen nie vergessen – vor ihrer Rückkehr warnen jetzt die Spruchbänder in Tobruk. Hauptleidtragende der neuen Achse Tripolis-Ankara sind aber Griechenland und Zypern. Wenn so die Schwammtaucher von der Insel Kalymnos ihre reichen Jagdgründe verlieren, ist das in Zeiten der Badeschwämme aus Kunststoff nicht mehr so tragisch. Umso folgenschwerer, dass das türkisch-libysche Abkommen Kalymnos und anderen griechischen Inseln alle Hoheitsgewässer abspricht, im Fall Zyperns sogar zugunsten der international nicht anerkannten türkischen Zonenrepublik im Norden.

Das Bündnis von Sarraj mit Erdogan berührt auch die Migrationsproblematik. In und um Tripolis drängen sich afrikanische Scharen, die aus Unterdrückung und Not nach Europa drängen. Zum neuen Jahr sollte eine internationale Konferenz in Berlin diese Problematik in den Griff bekommen und den libyschen Bürgerkrieg beenden. Doch fällt jetzt Erdogans Schatten über diese Bemühungen: Er wird weiter Sarraj aufrüsten und so neben der Balkanroute auch den Flüchtlingsweg übers Mittelmeer in die Hand bekommen.