Friedliche und Nichtfriedliche

Politik / 15.12.2019 • 22:28 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Bald ist wieder Weihnachten. Also die Zeit, in der viel vom Frieden und der Menschlichkeit die Rede ist. Und in der sogar der Krieg eine kurze Pause macht. Wie die deutschen und britischen Soldaten, die sich im 1. Weltkrieg gegenseitig tot schossen bis sie am Weihnachtstag ihre Gewehre weglegten, aus ihren Schützengräben krochen, zweisprachig „O Tannenbaum“ sangen, sich gegenseitig umarmten, und dann auch noch ein Fußballspiel veranstalteten. Welche Mannschaft gewonnen hat, ist nicht überliefert und wohl auch nicht wichtig. Bekannt ist nur, dass die Soldaten am nächsten Tag auftragsgemäß erneut zu ihrem Schießzeug griffen und das gegenseitige Umbringen weiterging.

Übriggeblieben ist vom „Weihnachtsfrieden auf dem Schachtfeld“ immerhin, dass die „Tannenbaum“-Melodie bis auf den heutigen Tag die offizielle Hymne des vor den Toren Washingtons liegenden Bundesstaates Maryland ist. Und Krim-Annektierer Wladimir Putin hat sich gnädig bereit erklärt, die russische Kriegsmaschine in der Ost-Ukraine bis zum Jahresende eine Mord-Pause machen zu lassen. Aber die russisch-orthodoxen Christen feiern Weihnachten ja auch erst am 6. Januar. Und was im neuen Jahr passiert, weiß außer Putin wohl nur noch der Himmel.

Auch sonst ist es mit dem „Frieden auf Erden“ nicht weit her: Im westlichen Teil Europas gibt es zwar seit bald 75 Jahren Frieden, also keinen Krieg. Das ist auch ein Verdienst des europäischen Zusammenschlusses von Ländern mit gleichen Werten. Einer Werteunion, der die britische Regierung den Rücken kehren will und damit einen möglichen Erosionsprozess befördert. Gleichzeitig wüten nach Angaben der UNO, die es nicht zu verhindern weiß, auf der Erde zur Zeit nicht weniger als 38 heiße Kriege, bei denen Tag für Tag ungezählte Menschen getötet und andere in die hoffentlich lebensrettende Flucht ins Asyl getrieben werden.

Anti-Klimawandel-Feldzug

Bei alledem ist vielerorts nicht einmal der Zustand des Nichtkrieges friedlich. Damit ist nicht nur das Wüten von Morddiktatoren gemeint. Auch Freunde der Europäer nehmen es mit Freundschaft, Friedlichkeit und dem Hochhalten gemeinsamer Werte nicht so genau. Wie ein US-Präsident, der sich als Erpresser gebärdet. Mit Wirtschaftssanktionen will er eine europäische Gas-Pipeline verhindern, und mit widerrechtlichen Strafzöllen der US-Wirtschaft und superreichen Kumpanen unter die Arme greifen. Er kürzt die US-Beitragszahlungen für die UNO und verlangt ultimativ drastisch höhere Verteidigungsausgaben der Verbündeten zum Zwecke der Anschaffung amerikanischer Rüstungsgüter. Und sein Anti-Klimawandel-Feldzug kostet weitere Menschenleben.

Frieden auf Erden und der Weg dorthin sieht anders aus. Aber Weihnachten ist ja auch die Zeit der Hoffnung. Unter anderem der Hoffnung auf Einsicht und Läuterung der Nicht-Friedlichen.

„Auch Freunde der Europäer nehmen es mit Freundschaft, Friedlichkeit und dem Hochhalten gemeinsamer Werte nicht so genau.“

Peter W. Schroeder

berichtet aus Washington, redaktion@vn.at