Die Verteidiger der Natur

Politik / 18.12.2019 • 22:34 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Kaspanaze Simma reiste zur Au-Kundgebung am 8. Dezember 1984 an ( kleines BIld, unten rechts). Die Polizeigewalt am 19. Dezember löste Emmpörung aus (VN, 20.12.84).APA
Kaspanaze Simma reiste zur Au-Kundgebung am 8. Dezember 1984 an ( kleines BIld, unten rechts). Die Polizeigewalt am 19. Dezember löste Emmpörung aus (VN, 20.12.84).APA

Besetzung der Hainburger Au: Ein Meilenstein für Umweltschutz und Demokratie.

WIen Hubert Gorbach tritt als Blaukelchen verkleidet vor die Presse. Gemeinsam mit einem Schwarzstorch (Stadtrat Jörg Mauthe), einer Rostbauchunke (Schriftsteller Peter Turrini) und einem Kormoran (Othmar Karas) opponiert er am 7. Mai 1984 öffentlich gegen das geplante Wasserkraftwerk in der Hainburger Au. Der rote Auhirsch, Aktivist Günther Nenning, führt die „Pressekonferenz der Tiere“ an, die Auftakt für ein Volksbegehren ist und wenige Monate später zu einer politischen Zäsur in Österreich führen wird.

Aufbegehren gegen Polizeigewalt

Vor 35 Jahren verhindern Umweltschützer, Politiker, Künstler und Bürger aus allen Lagern den Bau des Kraftwerks in den Donauauen, 30 Kilometer entfernt von Wien. 8000 Menschen treffen wegen dem erlassenen Baubescheid am 8. Dezember im heutigen Naturschutzgebiet zu einer Kundgebung zusammen, darunter Freda Meissner-Blau (damals SPÖ, später Grüne), Friedensreich Hundertwasser und der erst für die Grünen in den Vorarlberger Landtag gewählte Bregenzerwälder Kaspanaze Simma. „Es war ein starkes Zeichen für die Natur und die Demokratie, dafür, dass man mit den Leuten diskutieren muss, dass große Organisationen und Firmen nicht einfach tun können, was sie wollen“, sagt Simma. Er erinnert sich gut an den Aufmarsch in der Au, an die Demonstranten, Reden und positive Resonanz. Zwei Tage später rollen die Bagger. Es soll gerodet und gebaut werden. Naturschützer und Aktivisten bleiben vor Ort. Immer mehr Besetzer pilgern in die Au. Zum Schluss sind es 3500. Am 18. Dezember droht die Situation zu eskalieren. Die Arbeiter der Gewerkschaft Bau-Holz wollen gegen die Naturschützer aufmarschieren. Die rot-blaue Regierung und Kanzler Fred Sinowatz (SPÖ) bringt sie davon ab, verkündet aber: „Die Au wird geräumt“. Am 19. Dezember gehen 2000 Polizisten mit Knüppeln und Wasserwerfern gegen die Besetzer vor. Auf der Wiener Ringstraße versammeln sich am selben Abend 40.000 Menschen, um gegen die Polizeigewalt zu demonstrieren. Die Bilder der brutalen Räumung landen tags darauf auf zahlreichen Titelseiten. „Entsetzen, Enttäuschung und Tränen: Polizeiprügel für junge Demokraten“, schreiben die VN. Die Bundesregierung zieht die Notbremse. Kanzler Sinowatz verkündet am 21. Dezember den „Weihnachtsfrieden“. Im Jänner 1985 ist das Kraftwerksprojekt nach einer erfolgreichen Beschwerde der Umweltschützer am Verwaltungsgerichtshof gestorben. Umweltaktivistin und Russpreis-Trägerin Hildegard Breiner verfolgt die Entwicklungen aus der Entfernung. Ihr Mann hatte gerade einen Herzinfarkt, weshalb sie im Dezember 1984 nicht in der Au aufmarschieren können: „Wir bezahlten einer jungen Vorarlbergerin die Bahnfahrt, damit sie uns vertritt.“ Die Bevölkerung habe damals langsam bemerkt, dass sie sich einmischen und wehren könne. Das Bewusstsein für Umwelt- und Naturschutz sei aufgekeimt: „In meinen jungen Jahren hat man nur aufgebaut. Alles musste in den Nachkriegsjahren anders werden, ohne Bedenken, welche Auswirkungen das später haben wird.“

„Wir geraten an unsere Grenzen“

Gorbach, der damals Vorsitzende der FPÖ-Jugend, fordert heute zwar, Natur und Wirtschaft nicht gegeneinander auszuspielen. Auf sein Engagement für die Au ist er aber stolz. Mit der Parteispitze habe er das nicht abgesprochen. „Das muss man als Jugendlicher auch nicht tun.“ Der Preis: Gorbarch heimst sich in der FPÖ den Spitznamen Blaumeise ein. Der spätere Vizekanzler gibt zu, mit dem Auftritt bei der Pressekonferenz der Tiere „ein bisschen gerauft“ zu haben: „Er war für einen biederen Vorarlberger sehr ungewöhnlich.“

Wirkung gezeigt

Simma ist überzeugt, dass die Proteste auch für andere Wasserkraftwerke Wirkung zeigten. Er erinnert sich daran, „wie wir damals nach Alternativen zur Wachstumswirtschaft gesucht haben.“ Bei der jüngsten Volksabstimmung in Ludesch zum Erhalt der Freiflächen im Neugut fühlte sich Simma an Hainburg erinnert. 35 Jahre nach den Protesten müsse weiterhin daran erinnert werden, dass es notwendig sei, Zurückhaltung zu lernen.