Pflegesystem am Limit

Politik / 21.12.2019 • 11:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Wichtig ist, dass die Arbeitsbedingungen passen“, sagt Wiltrud Oberhofer, diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin im Seniorenheim Wolfurt. VN

Nach Regress-Aus schnellten Bruttoausgaben auf 169 Millionen Euro. Pflegepersonal überlastet.

Schwarzach Wiltrud Oberhofer kennt die Akut- und Langzeitpflege. Bevor die diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegerin im Seniorenheim in Wolfurt anfing, war sie elf Jahre im Landeskrankenhaus Bregenz beschäftigt. Seit zwölf Jahren arbeitet Oberhofer nun in Wolfurt, mittlerweile als Bereichsleiterin. „In die Pflege zu gehen, war immer mein Wunsch“, erzählt Oberhofer. „Wichtig ist, dass die Arbeitsbedingungen passen, und das tun sie.“

Wiltrud Oberhofer zählt zu den über 4100 Betreuungs- und Pflegekräften in Vorarlberg. Über 2000 sind laut jüngsten Zahlen der Statistik Austria für 2018 im Bereich der mobilen Pflege tätig, etwas mehr als 1800 in der stationären Pflege. Hinzu kommen alternative Wohnformen, die teilstationäre Tagesbetreuung und die Kurzzeitpflege.

Zu wenig Fachkräfte

In der Langzeitpflege ist der Personalbedarf derzeit am größten, wie Landesrätin Katharina Wiesflecker den VN erklärt. „Das Personal in den Pflegeheimen ist sehr belastet.“ Hier brauche es mehr. „Wir möchten vor allem die diplomierten Kräfte unterstützen, in Form von Personal mit zweijähriger Ausbildung oder Heimhilfen.“ Die ambulanten Dienste kommen laut Wiesflecker personell gerade noch so durch. Reserven gebe es aber keine.

In Vorarlberg nehmen derzeit über 15.000 Personen Pflegedienstleistungen in Anspruch. Mehr als die Hälfte davon über mobile Dienste, knapp 20 Prozent werden stationär betreut, etwas mehr als 15 Prozent befinden sich laut Statistik 2018 im Case- und Caremanagement.

Im Seniorenheim Wolfurt leben 48 Bewohner, um die sich ebenso viele Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kümmern. „Das ist ein guter Personalschlüssel“, meint Geschäftsführer Gerd Schlegel. Dennoch bräuchte es mehr diplomierte Fachkräfte, weil immer mehr Menschen mit hohen Pflegestufen betreut werden müssen. Derzeit liegt die durchschnittliche Pflegestufe bei 5,4. Die im Haus lebenden Senioren sind ebenfalls eine immer größere Herausforderung. Viele leiden an einer Demenzerkrankung, andere haben psychiatrische Probleme, eine Behinderung oder benötigen palliative Zuwendung. Auch Suchtpatienten sind in Wolfurt untergebracht. Diese unterschiedlichen Voraussetzungen fordern das Personal enorm.

Zusätzlich steigt seit der Abschaffung des Pflegeregresses der Druck auf die Heime, sagt Soziallandesrätin Wiesflecker: „Das hat sich zeitversetzt gezeigt. Wir sehen aufgrund der Wartelisten, dass es einen höheren Anreiz gibt, ins Pflegeheim zu gehen.“ Das Regress-Aus macht sich auch in den Pflegeausgaben bemerkbar. Die steigenden Kosten lassen sich laut Soziallandesrätin unter anderem durch die demografische Entwicklung und die höhere Pflegebedürftigkeit der älteren Menschen erklären.

Enorme Kostensteigerung

Knapp 34 Prozent der Betroffenen sind zwischen 75 und 85 Jahre alt, über 43 Prozent sind älter. Den großen Kostensprung erklärt sich Wiesflecker aber vor allem mit der Abschaffung des Pflegeregresses. „Die Bruttoausgaben nahmen zwischen 2013 und 2017 um 27 Prozent von 111 auf 141 Millionen Euro zu.“ Allein 2018 stiegen sie um weitere 28 Millionen (20 Prozent) auf 169 Millionen Euro. Die Nettoausgaben wuchsen in vier Jahren um 28 Prozent von 60 auf 77 Millionen Euro. Als der Vermögenseinsatz fiel, folgte der Sprung von 77 auf 97 Millionen (plus 26 Prozent).

„Liebe zu den alten Menschen“

Geld allein kann dem Bedarf in der Pflege aber auch nicht gerecht werden. In nahezu allen Bereichen besteht Personalbedarf. Gerd Schlegl, Geschäftsführer des Pflegeheims Wolfurt, hält attraktive Rahmenbedingungen für ausschlaggebend. Ein adäquates Gehalt und Kinderbetreuungsangebote stünden ganz oben auf der Liste. Oft gehe es bei der Entscheidung für die Pflege um existenzielle Fragen, meint auch Bereichsleiterin Oberhofer: „Die Liebe zu den alten Menschen wäre sicher bei vielen da.“

Marlies Mohr, Birgit Entner-Gerhold