Krise im Irak als globaler Zündstoff

Politik / 02.01.2020 • 11:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
 Anhänger und Mitglieder einer Schiitenmiliz drangen bis zur US-Botschaft in Bagdad vor. <span class="copyright">AFP </span>
Anhänger und Mitglieder einer Schiitenmiliz drangen bis zur US-Botschaft in Bagdad vor. AFP

Wie der Volkszorn auf die USA umgeleitet werden konnte.

Heinz Gstrein

Bagdad In Bagdad setzte sich ein Sturmangriff auf die US-Botschaft zu Jahresende mit der Belagerung durch Tausende pro-iranische Schiiten fort. Ihnen war es an Silvester gelungen, durch die für alle Unbefugten gesperrte „Grüne Zone“ zur amerikanischen Vertretung vorzustoßen, ihre Mauer zu überwinden und in den Hof vorzudringen. Dann scheiterten sie jedoch an der inneren Festung mit den Büros des Botschafters und vom Geheimdienst CIA. Diese sollten durch den Ring einer Zeltstadt der Aufrührer abgeriegelt und früher oder später zur Übergabe gezwungen werden – bis die Schiitenmiliz Haschd asch-Schaabi am Mittwoch den Befehl zum Rückzug gab und damit zeigte, wer jetzt die irakische Volkserhebung kontrolliert.

Angriffe auf Botschaften

Jedenfalls ufert die schon dreimonatige Regierungskrise im Irak von einer inneren Angelegenheit zu globalem Zündstoff aus. In den USA hat Gewalt gegen ihre diplomatischen Vertretungen in der islamischen Welt eine geradezu neurotische Empfindlichkeit ausgelöst, seit militante Khomeini-Jünger in Teheran am 4. November 1979 die US-Botschaft „erobert“ und das Personal zwei lange Jahre als Geiseln gehalten hatten. 1983 wurde die US-Vertretung in Beirut durch einen Selbstmordattentäter zur Gänze ausgebombt, wobei 60 Menschen ums Leben kamen. Es folgte 2012 das Konsulat von Bengasi, wo sich aber gerade der US-Botschafter für Libyen aufhielt und ermordet wurde. Jetzt auch noch Bagdad.

Erprobte Kämpfer

US-Präsident Donald Trump hat sofort der Islamischen Republik Iran als Drahtzieher der Attacke Vergeltung angedroht, aber ein Regiment Luftlandetruppen nach dem Irak beordert. Diese 750 Mann erscheinen völlig ungenügend, um gegen ein ganzes Volk kämpfen. Doch handelt es sich insgesamt um 14.000 erprobte Kämpfer, die nach den irakischen Stützpunkten und ihrer arabischen Nachbarschaft abgehen. Seit dem Sturz des Bagdader Diktators Saddam Hussein hatten sich nie mehr so viele bewaffnete Amerikaner in Nahost getummelt.

Im Unterschied zum bis heute nachwirkenden Vietnam-Trauma wurden die beiden US-geführten Irakkriege von 1991 und 2003 als Erfolge empfunden oder zumindest erfolgreich so hingestellt. Jetzt stellt sich aber heraus, dass die Iraker den Amerikanern gar nicht mehr für ihre Rettung vor dem Terrorregiment des Islamischen Staates (IS) dankbar sind, sondern sich ihr Unmut gegen die USA richtet. Dabei hatte die irakische Volkserhebung gegen die unfähige und korrupte Regierung von Adel Abdel Mahdi lang rundweg anti-iranischen Charakter, Konsulate der Islamischen Republik im Südirak gingen in Flammen auf. Dann erst haben die Schiitenmilizen das Heft in die Hand genommen und den Volkszorn vom Iran auf die USA umgelenkt.