Iran schoss sich tragisches Eigentor

Politik / 12.01.2020 • 22:31 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
In Indien protestierten Muslime am Sonntag gegen die USA.AFP
In Indien protestierten Muslime am Sonntag gegen die USA.AFP

Boeing-Abschuss löst im Regime Machtkämpfe aus.

Wien In Nahost sind die Beobachter einig, dass sich Irans klerikales Schiitenregime mit dem Abschuss der ukrainischen Passagiermaschine bei Teheran ein vernichtendes Eigentor geschossen hat. US-Präsident Donald Trump hätte keinen listigeren Schachzug zur Destabilisierung der Islamischen Republik ersinnen können. Der Schwarze Peter für die 176 Opfer, die zwei verhängnisvollen Raketen und die Schande ihrer mehrtägigen Vertuschung klebt jetzt an den Fingern der bisher fast allmächtigen Revolutionsgarden und ihrer Hintermänner von einer fanatischen Ayatollah-Riege bis zum „Obersten Geistlichen Führer“ Ali Khamenei-i hinauf.

„Korruptes Regime“

Seinen Rücktritt forderten schon am Wochenende Demonstranten an der Teheraner Uni und in anderen Städten. Völlig umgeschlagen hat die Stimmung seit den Massenkundgebungen beim Begräbnis des US-liquidierten „Märtyrers“ Kassem Soleimani. Typisch dafür die Anklagen der Taekwondo-Kämpferin Kimia Alizadeh, die sie am Sonntag nach Gelingen ihrer mehrtägigen Flucht erhoben hat. Irans bisher einzige Gewinnerin einer Olympiamedaille sprach auf Instagramm „im Namen von Millionen dort unterdrückten Frauen“ von einem „verlogenen, ungerechten und korrupten Regime in Teheran“.

In diesem eilt jetzt der schon seit Jahren geführte Machtkampf des radikalen Flügels von Revolutionsgarden und schiitischer Klerisei mit den „Realisten“ der politischen Führung einem entscheidenden Höhepunkt zu. Staatspräsident Hassan Rohani hatte um Generalmajor Soleimani noch Krokodilstränen vergossen – in Wahrheit kam ihm die Beseitigung des auch innenpolitisch mächtigsten Kommandanten der Revolutionsgarden nur gelegen. Ebenso wie er jetzt den Chef der für die Boeing-Katastrophe verantwortlichen Gardisten-Luftwaffe an den Pranger stellte. Das war nur populär: Innerhalb Irans sind die Gardisten mit ihrer Sonderpolizei und eigenen Folterkerkern genauso verhasst wie ihre Auslandseinsätze in Libanon, Syrien, dem Irak und Jemen hochgejubelt werden.

Parlament am Zug

Nun liegt die weitere Initiative beim iranischen Parlament. Obwohl dieses in politischen Richtungsfragen nur eine beratende Funktion hat, fällt es die Entscheidung in allen personellen Angelegenheiten. Sein mächtiger Präsident Ali Laridschani hat schon mehrmals Minister und sonstige Machthaber gestürzt. Jetzt wurde von ihm Hussein Salami vorgeladen, Oberbefehlshaber der Revolutionsgarden. Das Ende von ihrem „Staat im Staat“ könnte bevorstehen. GSTRE