So dramatisch sind die Zustände im Flüchtlingslager Moria

Politik / 15.01.2020 • 08:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Eine Familie wärmt sich bei Minustemperaturen am Feuer. Keck (Bild links) machte sich im Flüchtlingslager selbst ein Bild von der Situation. Keck

Stephan Keck reiste nach Lesbos und brachte den Menschen warme Kleidung, Zelte und Nahrungsmittel.

athen Völlige Perspektivenlosigkeit – das ist es, was den Menschen im Flüchtlingslager Moria auf der griechischen Insel Lesbos am meisten zusetzt, glaubt Stephan Keck. Der Bergführer aus Stans in Tirol und engagierte Helfer konnte sich erst vor Kurzem selbst ein Bild von den Zuständen in dem völlig überfüllten Lager in der Ägäis machen. Diese seien katastrophal, berichtet der 46-Jährige. „So etwas habe ich in Europa noch nicht gesehen.“

Spontane Idee

Doch wie entstand überhaupt die ungewöhnliche Idee, nach Moria zu reisen? „Es war ein spontaner Entschluss im Dezember“, sagt Keck. Im Winter herrschen auf den griechischen Inseln Minusgrade. „Ich habe zu meiner Lebenspartnerin gesagt: Heuer lasse ich Weihnachten ausfallen und bringe den Menschen in Lesbos stattdessen Decken und Schlafsäcke vorbei.“ Seine Vorarlberger Partnerin Sabine Klotz, Obfrau der Hilfsorganisation Chay Ya Austria, unterstützte den Plan sofort. Gemeinsam kümmerte sich das Paar um die Organisation der Hilfsgüter. Die Aktion war ein voller Erfolg. In Vorarlberg und Tirol kamen innerhalb einer Woche rund 4000 Kilogramm an Schlafsäcken, Decken, Zelten, Schuhen, Kleidung und Nahrungsmitteln zusammen. Auto und Anhänger wurden Keck kostenlos zur Verfügung gestellt. Dazu kam finanzielle Unterstützung für den Sprit und die Fähre.

Direkt an Weihnachten sollte sich die Fahrt zwar nicht mehr ausgehen. Doch kurz vor dem Jahreswechsel konnte Keck dann endlich starten. Die Reise hatte es in sich: Fast 24 Stunden am Stück fuhr er über Ungarn, Rumänien und Bulgarien auf das griechische Festland. Die Überfahrt auf die Insel Lesbos dauerte dann noch einmal sieben Stunden.

Wie nach einem Erdbeben

Endlich in Moria angekommen, bot sich dem Tiroler ein trostloses Bild. Es sah aus wie nach einem Erdbeben, erzählt Keck. „Und das mitten in einem EU-Land.“ Die Migranten müssten unter Plastikplanen schlafen, heizten mit selbst gesammeltem Brennholz. Überall liege Abfall herum. „Die WC-Anlagen und Duschen gehen über vor Fäkalien und Müll. Es gibt keinen Strom.“ Die Menschen seien auf engstem Raum zusammengepfercht. Häufig komme es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen, manchmal sogar zu Todesfällen.

Was im Flüchtlingslager Moria passiert, hat mit Menschlichkeit nicht mehr viel zu tun.

Stephan Keck, Helfer

Für die Verteilung der Spenden aus Vorarlberg und Tirol wandte sich Keck vor Ort an „The Hope Project“ des britischen Künstlerpaars Eric und Philippa Kempson. Seit 2017 haben sie ein Verteilungslager im Süden der Insel eingerichtet. Dort versorgen Freiwillige bedürftige Familien mit Hygieneartikeln, Kleidung, Windeln und vielem mehr. Mit der Ablieferung der Hilfsgüter war es für Keck noch nicht getan. Der 46-Jährige blieb noch zwei Tage lang im Flüchtlingscamp. Dort sprach er mit den Menschen aus Somalia, Marokko, Afghanistan oder Syrien. „Menschen, die nichts mehr haben, luden mich zu Tee oder Essen ein und erzählten mir ihre Geschichten.“ Einmal habe ihn ein Somalier gewarnt. „Er meinte, dass ich Probleme bekomme, wenn die Polizei mich mit meiner Kamera sieht.“ Berührend sei auch eine Unterhaltung mit einem Afghanen gewesen. Dieser habe ihm gesagt: „Wir wollen kein Geld von euch! Wir mussten vor den Islamisten aus unserer Heimat fliehen. Nun wollen wir arbeiten und ein neues Leben anfangen.“ Vielen Menschen in Moria bleibt das verwehrt. Manche harren monate-, teilweise sogar jahrelang im Camp aus.

Kritik an der Politik

Das Lager sei ein Armutszeugnis für Europa und seine Politiker, findet Keck. Er hat sich vorgenommen, die Menschen in Moria weiterhin regelmäßig zu unterstützen. „Was dort passiert, ist einfach das Letzte. Das hat mit Menschlichkeit nichts mehr zu tun.“

Flüchtlingslager Moria

Das Flüchtlingslager Moria befindet sich auf der griechischen Insel Lesbos. Es besteht seit 2015 und ist eigentlich für rund 2800 Personen angelegt. Zuletzt lebten in und um das Camp aber mehr als 18.000 Menschen. Immer wieder kommen neue Flüchtlinge an. Insgesamt harren in den Registrierungslagern auf den Inseln der Ägäis mehr als 41.000 Menschen aus, schätzte das zuständige Ministerium in Athen im Dezember. Das sei die höchste Zahl, seit der EU-Türkei-Deal im Jahr 2016 in Kraft getreten ist.