„Es war eine ­Kurzschlussreaktion“

Politik / 20.01.2020 • 22:13 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Verteidiger Ludwig Weh ärgerte sich über fehlende Belehrungen der Polizei am Tattag.

Verteidiger Ludwig Weh ärgerte sich über fehlende Belehrungen der Polizei am Tattag.

Die Bluttat an der BH Dornbirn sei kein geplanter Mord gewesen, sagt Soner Ö. vor Gericht.

Feldkirch Er habe immer ein Messer dabei gehabt, wenn er einen Fuß in die Bezirkshauptmannschaft Dornbirn setzte. „Manchmal ein größeres, manchmal ein dünneres, manchmal ein dickeres …“, erzählt Soner Ö. Am 6. Februar 2019 war es ein Küchenmesser, das er in seiner Hose mit sich trug, als er die BH Dornbirn betrat, zum Leiter der Sozialabteilung ins Büro marschierte und ihn erstach. Am Montag startete in Feldkirch der Prozess zu jenem Mordfall, der über die Landesgrenzen hinweg für Diskussionen sorgt. Bis Mittwoch geht es am Landesgericht Feldkirch allerdings weder um die Sicherungshaft noch um das Fremdenrecht. Alles dreht sich um eine Frage: War es Mord?

In Österreich geboren

Soner Ö. kommt am 11. Jänner 1985 in Lustenau als türkischer Staatsbürger zur Welt. Er gerät früh auf die schiefe Bahn, ihm wird mit Abschiebung gedroht, sollte er sich nicht bessern. Bis 2008 hat er 15 Verurteilungen gesammelt, er muss Österreich verlassen, ausgestattet mit einem zehnjährigen Aufenthaltsverbot. Soner Ö. kehrt 2009 zurück und stellt einen Asylantrag. Er wird direkt in Schubhaft genommen und 2010 erneut abgeschoben. Die BH Vöcklabruck spricht ein unbefristetes Rückkehrverbot aus. Im Jänner 2019 reist er wieder ein und stellt einen Asylantrag. Zunächst wird er ins Erstaufnahmezentrum Thalham gebracht, bevor er nach Vorarlberg reist. Am 23. Jänner stellt er seinen ersten Antrag auf Mindestsicherung in Dornbirn. Dort trifft er auf Alexander A., mit dem er schon als Jugendlicher in Lusten­au zu tun hatte. A. war es auch, der das erste Aufenthaltsverbot ausgesprochen hatte. Nachdem Soner Ö. mehrfach zwischen BH und dem Rathaus hin und her geschickt wird, rastet er am 6. Februar aus.

Mehrere Argumente

Das sei kein Mord gewesen, sagt der angeklagte 35-Jährige am ersten Prozesstag. Soner Ö. erklärt im vollen Saal: Hätte er sich rächen wollen, hätte er ihn früher erstechen können. „Ich habe jedes Mal ein Messer dabei gehabt.“ Er findet noch weitere Argumente: „Ich habe Kampferfahrung. Wenn ich jemanden töten möchte, steche ich direkt ins Herz.“ Oder: „Wenn ich ihn ermorden hätte wollen, hätte ich es so getan, dass mich keiner erwischt. Mit einer Armbrust zum Beispiel. Ich war Scharfschütze.“ Er bekenne sich der schweren Körperverletzung mit Todesfolge für schuldig.

Zunächst ist aber Staatsanwältin Konstanze Manhart am Wort, die den Tattag zusammenfasst. Sie richtet sich direkt an die zwölf Geschworenen: „Auf die Frage, ob es Mord war, gibt es nur eine Antwort: Er wollte ihn töten.“ Anschließend ergreift Verteidiger Wilfried Ludwig Weh das Wort: „Keiner der Beteiligten wollte, dass es passiert. Dennoch ist es passiert. Das ist eine Tragödie.“

Die politischen Diskussionen nach dem Fall sind bekannt. Gleich zu Beginn des Prozesses garantiert Richter Martin Mitteregger dem Angeklagten: „Ihnen wird ein rechtsstaatliches und faires Verfahren gewährt. Es gibt keine Vorverurteilung.“ Dennoch bittet Soner Ö. darum, dass das Gericht dem politischen Druck standhalte. Antwort Mitteregger: „Es gibt keinen politischen Druck.“ Auch Verteidiger Weh äußert sich: „Ein Minister, der dankenswerterweise nicht mehr Minister ist, hat versucht, diese Tat zu instrumentalisieren.“

Harte Details

Die Verhandlung wird mehrfach unterbrochen, um dem Angeklagten eine Pause zu gewähren. Er ist gesundheitlich angeschlagen. Ihm gehe es schlecht, sagt Soner Ö., er möchte zur Sache kommen. Als ihm seine Rechte erklärt werden, entgegnet er: „Ich kenne die Prozedur. Können wir weitermachen?“ Der Angeklagte ist selbstbewusst. Immer wieder unterbricht er Richter Mitteregger. Dann ist er wieder ruhig und leise. Er bereue die Tat zutiefst. Die Familie tue ihm leid. „Es hätte komplett verhindert werden können“, sagt er. Und zwar dann, wenn andere ihn anders behandelt hätten. Er habe seinem Opfer nur Schmerzen zufügen wollen, fährt Soner Ö. fort; geht an einer anderen Stelle aber ins Detail, was im Publikum für betretene Gesichter sorgt: Er habe seinem Opfer die Nackenmuskulatur durchtrennen wollen, damit Alexander A. seinen Arm nicht mehr bewegen kann. „Es war eine Kurzschlussreaktion.“

„Ihnen wird ein faires Verfahren gewährt. Es gibt keinen politischen Druck.“

Auch Staatsanwältin Konstanze Manhart blieb vom Blitzlichtgewitter nicht verschont.

Auch Staatsanwältin Konstanze Manhart blieb vom Blitzlichtgewitter nicht verschont.

Soner Ö. wurde um kurz vor 10 Uhr in den Schwurgerichtssaal gebracht. Zuschauerinteresse und Sicherheitsvorkehrungen waren enorm.
Soner Ö. wurde um kurz vor 10 Uhr in den Schwurgerichtssaal gebracht. Zuschauerinteresse und Sicherheitsvorkehrungen waren enorm.

Den Live-Ticker des ersten Prozesstages gibt es auf VN.at zum Nachlesen. Mit diesem Link geht es direkt zum Ticker von Montag: http://VN.at/sujeoH