Hass im Netz und viele Irrtümer

Politik / 20.01.2020 • 22:45 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Karoline Edtstadler ist für viele Männer (und interessanterweise auch für manche Frauen mit anderer politischer Haltung) so leicht abzulehnen, weil sie so „böse“ schaut. Der Europa-Ministerin hält man jetzt tatsächlich auch den ernsten Blick, die kühle Mimik vor – in den sozialen Medien witzeln politische Beobachter darüber, in Interviews muss Edtstadler tatsächlich ihren strengen Blick erklären. Und am Wochenende kursierte auf Twitter ein Bildvergleich von der ÖVP-Politikerin mit dem amerikanischen Rockmusiker Marilyn Manson, einem Mann mit Faible für Gothic-Make-up und finstere Musik – hahaha, sehr lustig! Und jetzt stellen wir uns das bitte einmal bei einem Mann vor: Herr Minister, lächeln sie doch ein bisschen.

Frauen in der Öffentlichkeit, gerade auch Politikerinnen, werden in den traditionellen und sozialen Medien vor allem über Aussehen, Auftreten oder Kleidung beurteilt (bei Männern passiert das auch, aber seltener). Wenn dann wie im Fall des Manson-Bildvergleichs Edtstadlers Minister-Kollegin Susanne Raab diese persönlichen Angriffe auf Twitter unter „Hass im Netz“ zusammenfasst, irrt sie sich allerdings – wohl auch nicht ganz unbeabsichtigt. „Hass im Netz“ ist mittlerweile zum praktischen Sammelbegriff für jeden Angriff geworden, egal, wie dieser aussieht. Doch persönliche Beleidigungen und geschmacklose Untergriffe – zum Beispiel der von einem deutschen Satire-Magazin kreierte „Baby-Hitler“-Vergleich für Kanzler Sebastian Kurz – haben eine völlig andere Qualität als rassistisch motivierte Morddrohungen gegen die neue grüne Justizministerin Alma Zadić.

Präzise benennen

Wer effektiv gegen Hass im Netz vorgehen und eine vernünftige Debatte darüber führen will, sollte differenzieren, präzise sein, die Sachlage benennen: Es gibt die alltägliche Verächtlichmachung von exponierten Frauen und einen anderen Blick auf sie; es gibt strategisch eingesetzte Herabwürdigungen des politischen Gegners; es gibt Rassismus und Drohungen gegen Menschen mit anderer Herkunft. Und wenn bei Menschen wie Justizministerin Zadić ein besonders widerliches Gemisch aus Frauenverachtung, Rassismus und Sexismus entsteht, dann ist das tatsächlich Hass im Netz.

Gegen all diese Formen der Bosheit im Netz sollte man entschlossener auftreten. Egal, welcher Weltanschauung man nahesteht, welche Politikerin, welcher Politiker einem persönlich sympathisch oder unsympathisch ist. Und auch wenn Politikmenschen und andere öffentliche Personen aufgrund ihrer Rolle Kritik aushalten müssen – sie müssen nicht alles ertragen. Die alltägliche Verachtung ist einer zivilisierten Gesellschaft einfach unwürdig.

„Und auch wenn Politikmenschen aufgrund ihrer Rolle Kritik aushalten müssen – sie müssen nicht alles ertragen.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt