Big Ben bangs Brexit

Politik / 22.01.2020 • 22:32 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die Farce geht weiter. Niemand weiß mehr, in welchem Akt wir uns befinden. Die Engländer haben so manche Krise überstanden, vom „Blitz“, den verheerenden deutschen Bombenangriffen, über den Verlust des „Empire“ bis hin zum Zerfall des Pfund Sterling. Die sprichwörtliche „stiff upper lip“, das stoische Ertragen sämtlicher Widrigkeiten, ist legendär – doch oft hilft nur noch der großartige englische Humor, die gnadenlose Selbstironie.

Den Brexit, der nach all dem Hin und Her in einer Woche nun doch stattfinden wird, haben sich die Briten selbst eingebrockt. Mit dem lähmenden Prozess, der Selbstzerfleischung dieser stolzen Nation ist es nun fürs Erste vorbei: Premierminister Johnson hat einen radikalen Schlussstrich gezogen – dafür wurde er mit überwältigender Mehrheit gewählt. Der Vollzug des EU-Austritts ohne Wenn und Aber wird jetzt von ihm erwartet. Vom gefürchteten „No-deal-Brexit“, vom Ausstieg ohne ausgehandeltes Abkommen mit unabsehbaren Folgen, spricht in Britannien seltsamerweise kaum mehr jemand – doch genau das könnte sich in Kürze abspielen. Die Nation hat vom Thema Brexit so sehr die Nase voll, dass sie das Feld fast fatalistisch den Politikern überlässt. Nur wenige fragen sich noch, wie es denn nunmehr zwischen Brüssel und London konkret weitergehen solle.

Was aber beschäftigt diese Nation in diesen Schicksalsstunden? Statt Brexit ist es der „Megxit“, die Flucht von Meghan, Gemahlin des Prinzen Harry, Enkel der Queen und jüngerer Sohn des Thronfolgers Prinz Charles, vor den Boulevardmedien ins ferne Kanada. Über Megxit und längst nicht mehr über Brexit ereifern sich die berüchtigten Tabloids seitenweise. Und die Nation witzelt: Weshalb denn habe die Krisensitzung der Königsfamilie auf dem Landsitz Sandringham abgehalten werden müssen? Ganz einfach, weil der Pizza-Express im schmuddeligen Städtchen Woking ausgebucht war – eine böse Anspielung auf das katastrophale Fernsehinterview mit Prinz Andrew, dem jüngeren Sohn der Queen, in dem er als Alibi dafür, dass er mit dem Sexualverbrecher Epstein nicht zusammengetroffen sei, angab, mit seinen Kindern im Pizza-Express Woking getafelt zu haben …

Doch das andere große Reizthema ist Big Ben: Der Populist Johnson wollte, dass die Glocken des Big Ben in Westminster mit ihrem legendären Stundenschlag am letzten Tag des Jänner, dem „Brexit-Day“ um 23 Uhr (Mitternacht in Brüssel) den Austritt aus der EU begrüßen. Das weltberühmte Glockengeläute hat für die Briten allerhöchsten Symbolwert – im Zweiten Weltkrieg wurde es über BBC verbreitet, es signalisierte Widerstandswillen und Zusammengehörigkeit. Doch gegenwärtig wird der Big Ben aufwendig restauriert, zentrale Stützelemente wurden dafür entfernt und damit die 14 Tonnen schwere Hauptglocke erklingen kann, müsste die Konstruktion provisorisch wieder verstärkt werden. Die symbolträchtige Aktion würde eine satte halbe Million Pfund kosten. Das Parlament winkte ab, Premier Johnson wollte eine Crowdfunding-Kampagne zur Finanzierung lancieren: Die Nation feixt über seinen tollen Slogan „bung a bob for a Big Ben bong“ (etwa: Schmeiß einen Schilling hin für einen Glockenschlag des Big Ben). Doch die Initiative verlief im Sande und ein exzentrischer Eiferer hat gar gedroht, die Glocken eigenhändig mit einem Hammer zum Klingen zu bringen. Klingt abenteuerlich – doch den Brexit-Fanatikern ist inzwischen alles zuzutrauen.

„Den Brexit-Fanatikern ist inzwischen alles zuzutrauen.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).