Sport ist hochpolitisch

Politik / 22.01.2020 • 22:46 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
„Skifahren fördert in Österreich als Nationalsport das Wir-Gefühl mehr, als das irgendein Politiker schafft“, sagt Filzmaier. APA
„Skifahren fördert in Österreich als Nationalsport das Wir-Gefühl mehr, als das irgendein Politiker schafft“, sagt Filzmaier. APA

Skifahrer tragen mehr zum Wir-Gefühl bei als Politiker, analysiert Buchautor Peter Filzmaier.

WIEN Sport ist hochpolitisch. Im negativen wie im positiven Sinne. Im Kalten Krieg haben die Großmächte besonders Olympische Spiele zu einem Ersatzkrieg genützt. Und zwar nicht nur bei den Wettkämpfen, sondern auch, indem sie einander boykottierten. 1980 blieben die USA den Spielen von Moskau fern und 1984 die UdSSR jenen von Los Angeles. Es geht aber auch anders. Für Österreich waren Platz drei bei der Fußball WM 1954 in der Schweiz und mehr noch der Triumph von Toni Sailer bei den Winterspielen in Cortina d’Ampezzo zwei Jahre später wichtig; bei allen alpinen Bewerben holte der Tiroler die Goldmedaille: „Wir sind wieder wer“, hieß das für die Nation, so Peter Filzmaier (52).

Politiker suchen Nähe zu Sportlern

Peter Filzmaier? Der bekannte Politikwissenschaftler ist selbst über viele Jahre hinweg ambitionierter Läufer gewesen (Halbmarathon-Bestzeit: eine Stunde, zwölf Minuten) und nach wie vor ein leidenschaftlicher Fan (zum Beispiel des FC Barcelona). Jetzt hat er ein Buch geschrieben, in dem er das alles zusammenführt: „Atemlos. Meine schönsten Sportgeschichten und was sie mit Politik zu tun haben“.

„Skifahren fördert in Österreich als Nationalsport das Wir-Gefühl mehr, als das irgendein Politiker schafft“, ist er überzeugt. Kein Wunder: Es gebe mehr Sport- als Politikinteressierte im engeren Sinne. Umgekehrt könne der Sport immer wieder Jubelbilder vermitteln, während sich die Politik in einer Vertrauenskrise befinde. Die Antwort vieler Politiker ist, die Nähe zu Sportlern zu suchen. Also sitzen sie bei Großereignissen wie Kitzbühel oder Schladming in der ersten Reihe. „Das ist fast ein Wettrennen“, so Filzmaier.

Strache eindrückliches Beispiel

Umso bemerkenswerter ist, welchen Stellenwert die konkrete Politik dem Sport beimisst. So gut wie gar keine nämlich. Vom Budgetkuchen fallen keine 0,2 Prozent dafür ab. „Sport ist kein Machtinstrument“, analysiert Filzmaier, um ein „Aber“ hinzufügen: „Während er machtpolitisch nichts bringt, ist er eine wunderbare Selbstdarstellungsplattform.“ Deshalb habe sich Ex-FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache in der letzten Regierung für Sport entschieden. Erste Amtshandlung: Besuch der damaligen Winterspiele von Pyeongchang (Südkorea). „Insofern wird es spannend, was der neue Sportminister daraus macht“, so Filzmaier: Werner Kogler sei weniger dafür bekannt, sich groß zu inszenieren.

Sport hat auch den Wissenschaftler selbst politisch geprägt, wie er im Gespräch mit den VN gesteht: „Patriotismus ist Liebe zu den Seinen, Nationalismus ist Hass auf die anderen“, zitiert er den Schriftsteller Romain Gary. Soll heißen: Bei aller Leidenschaft nicht in die Ablehnung eines „Gegners“ zu kippen, ist für jeden Anhänger eine ganz praktische Prüfung. Also auch für Peter Filzmaier. JOH

Politikwissenschaftler Peter Filzmaier, Atemlos, erhältlich im Verlag Brandstätter, 180 Seiten, 22 Euro.