Signal gegen Antisemitismus

Politik / 23.01.2020 • 22:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Dem israelischen Außenministerium zufolge handelte es sich um das größte Staatsereignis seit der Gründung Israels 1948. AFP
Dem israelischen Außenministerium zufolge handelte es sich um das größte Staatsereignis seit der Gründung Israels 1948. AFP

Staatsgäste aus fast 50 Ländern erinnern in Israel an Auschwitz-Befreiung.

jerusalem In einem starken Zeichen der Solidarität haben Staatsgäste aus rund 50 Ländern in Jerusalem der Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz vor 75 Jahren gedacht. Gemeinsam riefen sie beim Welt-Holocaust-Forum am Donnerstag zum weltweiten Kampf gegen Antisemitismus auf. Auch Bundespräsident Alexander Van der Bellen, Frankreichs Staatsoberhaupt Emmanuel Macron und Kremlchef Wladimir Putin reisten nach Jerusalem. Frank-Walter Steinmeier sprach als erstes deutsches Staatsoberhaupt in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem. „Wir bekämpfen den Antisemitismus! Wir trotzen dem Gift des Nationalismus! Wir schützen jüdisches Leben!“, sagte Steinmeier. „Wir stehen an der Seite Israels. Dieses Versprechen erneuere ich hier in Yad Vashem vor den Augen der Welt.“ Er betonte, die deutsche Verantwortung vergehe nicht, es dürfe keinen Schlussstrich unter das Erinnern geben.

Bundespräsident Van der Bellen erinnerte daran, dass Österreich Mitverantwortung an der Shoah trage. „Österreicherinnen und Österreicher waren Täterinnen und Täter, teils an führender Stelle.“

Nach Angaben des israelischen Außenministeriums handelte es sich um das größte Staatsereignis seit der Gründung Israels 1948. Die Großveranstaltung trug den Titel „An den Holocaust erinnern, Antisemitismus bekämpfen“ und fand auch vor dem Hintergrund zahlreicher antisemitischer Vorfälle weltweit statt.

Rivlin dankt für Solidarität

Am Montag, dem 27. Jänner, jährt sich zum 75. Mal die Befreiung des deutschen Vernichtungslagers Auschwitz im von Hitler-Deutschland besetzten Polen. Auschwitz-Birkenau gilt weltweit als Symbol für den Holocaust. Nach Schätzungen wurden dort mehr als eine Million Menschen ermordet, zumeist Juden. Israels Präsident Reuven Rivlin dankte den anwesenden Staatsgästen für die Solidarität mit dem jüdischen Volk. „Antisemitismus hört nicht bei den Juden auf“, sagte der 80-jährige Rivlin. „Antisemitismus und Rassismus sind bösartige Krankheiten, die Gesellschaften von innen zerstören.“ Er mahnte an, die Geschehnisse des Holocaust nicht zu vergessen. „Wir entfernen uns von den Ereignissen der Shoah, aber wir müssen uns erinnern.“ Regierungschef Benjamin Netanjahu rief die Staatengemeinschaft dazu auf, sich geschlossen dem Iran entgegenzustellen.

Mosche Kantor, Präsident des Europäischen Jüdischen Kongresses, warnte vor einer massiven Abwanderung von Juden aus Europa. „In den letzten Jahren sind pro Jahr rund drei Prozent der Juden wegen Antisemitismus aus Europa ausgewandert.“

Erinnerung an Großmutter

Der britische Thronfolger Prinz Charles erinnerte in seiner Rede an seine Großmutter Alice, die während der Nazi-Besatzung in Griechenland eine jüdische Familie gerettet hatte. Seine Großmutter habe ihn schon lange „inspiriert“, sagte Charles. Macron warnte vor einem Wiedererstarken des Antisemitismus. In unseren Demokratien komme der Antisemitismus wieder – und zwar „gewalttätig und brutal“. Putin schlug ein Gipfel-Treffen der fünf ständigen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat vor, um Hass und Antisemitismus entgegenzutreten.

Die Sicherheitsvorkehrungen waren wegen der vielen ranghohen internationalen Gäste besonders streng. Laut Polizei galt im Umkreis von rund 750 Metern um Yad Vashem eine Flugverbotszone. Nach einem Bericht der „Times of Israel“ im Vorfeld waren rund 10.000 Polizisten im Einsatz.

Die Spitzen von EU-Parlament, Rat und Kommission warnten indes in Brüssel ebenfalls vor einem Vergessen der Geschichte. „Der Holocaust war eine europäische Tragödie, ein Wendepunkt in unserer Geschichte“, heißt es in einer Erklärung von Parlamentspräsident David Sassoli, Ratschef Charles Michel und Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, die auch jüngste Fälle antisemitischer Gewalt anspricht.

„Wir stehen an der Seite Israels. Dieses Versprechen erneuere ich hier in Yad Vashem.“