Menschsein in der Politik ist möglich

Politik / 03.02.2020 • 22:31 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Ein Politiker einer Regierungspartei kündigt seinen Rückzug an – und er setzt diesen Schritt wegen seiner Familie, exotisch für österreichische Verhältnisse. Thimo Fiesel, grüner Generalsekretär, will Ende April nach Tirol zu seiner Ehefrau und seinen drei Kindern – zweieinhalb, sechs und neun Jahre – zurückkehren, zuletzt konnte der 36-jährige Tiroler nur an den Wochenenden nach Hause fahren. Generalsekretär einer Partei, die erst ihre Rolle in der Regierung finden muss, ist wohl einer der intensivsten Jobs im politmedialen Betrieb.

Und sein Leben möchte Fiesel wieder mehr mit den Kindern als mit Parteichef Werner Kogler teilen, man stelle sich das vor. „2019 habe ich vermutlich mehr Zeit mit Werner Kogler verbracht als mit meiner Familie. Die Zeit mit Werner ist definitiv spannend“, schreibt Fiesel auf Facebook. Aber nun wolle er mehr Verantwortung für seine Kinder übernehmen. Logisch, dass manche so etwas nicht glauben können, hinter dem Rückzug stünde sicher Streit und Hader, mutmaßen sie (was Fiesel im „Kurier“ zurückweist). Wie kann man sich auch sonst erklären, dass ein Politiker nach zwei erfolgreichen Wahlkämpfen und der mühsamen Neuaufstellung der Grünen geht, wenn er es an die Macht geschafft hat? Solche Entscheidungen mögen noch ungewohnt sein, dennoch akzeptieren schon viele, dass Politiker nicht nur Amtsträger, sondern auch Menschen sind. Menschsein in der Politik ist möglich, wenn man sich traut zu sagen, was ist. Ein transparenter Umgang mit persönlichen Problemen und vermeintlichen Schwächen ist ein Zeichen von Souveränität – und dieses Denken dürfte sich auch langsam in der politischen Kultur verfestigen. Erfreulicherweise. Lange galt, dass Politikerinnen und Politiker immer fit und machtvoll wirken müssen. Der grüne oberösterreichische Landesrat Rudi Anschober hat 2012 gegen diese Vorstellung verstoßen, sich zu einem Burn-out bekannt und eine Auszeit genommen. Wird die Wählerschaft das bei einem Politiker akzeptieren? Das habe ich mich damals gefragt, so wie andere auch. Doch Anschober kehrte nach einer Pause als anerkannter Sachpolitiker zurück und ist heute Sozialminister.

Manche Menschen in der Politik bleiben durch den offenen Umgang mit ihrem Schicksal ein Vorbild für die ganze Gesellschaft. Wie Barbara Prammer und Sabine Oberhauser, Sozialdemokratinnen und führende Politikerinnen des Landes. Sie haben mit der Öffentlichmachung ihrer Krebserkrankungen mehr für die Entstigmatisierung von Krankheit getan als jede große Kampagne. Und vielen kranken Menschen Mut gemacht. Auch wenn sie am Ende ihren persönlichen Kampf leider nicht mehr gewinnen konnten.

„Ein transparenter Umgang mit persönlichen Problemen ist ein Zeichen von Souveränität – und dieses Denken dürfte sich langsam in der politischen Kultur verfestigen.“

Julia Ortner

julia.ortner@vn.at

Julia Ortner ist Journalistin mit ­Vorarlberger Wurzeln und lebt in Wien. Podcast: @ganzoffengesagt