Das Essen soll nicht in die Tonne

Politik / 04.02.2020 • 22:35 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Elmar Stüttler ist froh über die Lebensmittel, die er für Bedürftige erhält, aber zuweilen sind es selbst für ihn viel zu viele.  vn/hjr
Elmar Stüttler ist froh über die Lebensmittel, die er für Bedürftige erhält, aber zuweilen sind es selbst für ihn viel zu viele.  vn/hjr

ÖVP und Grüne haben Supermärkte im Fokus.

wien Jeden Tag landen genießbare Lebensmittel im Müll. In Österreichs Haushalten sind das jährlich rund 157.000 Tonnen, in Vorarlberg pro Kopf durchschnittlich elf Kilogramm. Über die Wertschöpfungskette betrachtet liegen diese Zahlen noch höher. Nach einer vom WWF beauftragten Studie des Ökologieinstituts fallen  jährlich rund 577.000 Tonnen an vermeidbaren Lebensmittelabfällen an. Eingerechnet sind Produktion, der Lebensmittelhandel, Außer-Haus-Verpflegung wie Restaurants und private Haushalte.

Vorbild Frankreich

Die türkis-grüne Bundesregierung will dieser Praxis nun einen Riegel vorschieben. Im Regierungsprogramm ist von einem „Aktionsplan gegen Lebensmittelverschwendung über die gesamte Wertschöpfungskette in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den österreichischen Handelsunternehmen, mit Produzenten und karitativen Organisationen“ die Rede. Dem Lebensmitteleinzelhandel soll es künftig verboten sein, genießbare Lebensmittel zu entsorgen. Als Vorbild wird das französische Modell genannt. Supermärkte mit einer Ladenfläche von mehr als 400 Quadratmetern müssen dort unverkaufte Produkte an gemeinnützige Organisationen weitergeben. Halten sie sich nicht daran, droht pro Verstoß eine Geldstrafe von 3750 Euro. Im Regierungsprogramm von ÖVP und Grünen ist eine nationale Koordinationsstelle vorgesehen. Sie überwacht die Verteilung.

Eine freiwillige Vereinbarung zwischen dem Landwirtschaftsministerium und dem Lebensmitteleinzelhandel gibt es seit 2017. In diesem Jahr konnten mit 12.250 Tonnen fast doppelt so viele genießbare Lebensmittel an Sozialmärkte weitergegeben werden wie 2013, teilte das Ministerium im Oktober mit. Geht es nach der Wirtschaftskammer Vorarlberg, soll an der Freiwilligkeit nicht gerüttelt werden. „Eine gesetzliche Verpflichtung führt zu mehr Administration, aber nicht zu einer besseren Verwertung“, ist Julius Moosbrugger,  Fachgruppengeschäftsführer der Sparte Lebensmittelhandel überzeugt. Die Kooperation mit den Vereinen laufe bestens. „Warum etwas gesetzlich regeln, wenn es so schon gut funktioniert?“

Zu viele Lebensmittel

Auch Elmar Stüttler, Gründer von „Tischlein deck‘ dich“ ist kritisch. Der gemeinnützige Verein verteilt seit knapp 15 Jahren unverkaufte Lebensmittel an Bedürftige. Dabei gebe es eine gute Kooperation mit dem Handel, unterstricht der Russ­preis-Träger. Gleichzeitig verweist er auf ein anderes Problem. Und zwar, wenn zu viele Lebensmittel anfallen, die gar nicht alle verteilt werden können. „Wir sind praktisch kostenlose Entsorger.“ Der Aufwand für „Tischlein deck‘ dich“ werde seit Jahren höher. Und mit einer gesetzlichen Regelung könnte sich das noch steigern, befürchtet Stüttler. Diesen Umstand müsse die Politik in ihre Überlegungen miteinbeziehen, glaubt der Russpreis-Träger. Außerdem solle sichergestellt werden, dass die Ware, die an die Vereine verteilt wird, in einem guten Zustand ist und nicht in kürzester Zeit entsorgt werden muss. Er sei froh, dass sein Verein viele Produkte bekomme, betont Stüttler. Nur: „Wenn wir dann kistenweise Lebensmittel entsorgen müssen, ist das doch ein Wahnsinn.“

„Wenn wir dann kistenweise Lebensmittel entsorgen müssen, ist das doch ein Wahnsinn.“