Bye-bye Britain!

Politik / 05.02.2020 • 22:49 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Abschiedsworte der EU an den britischen EU-Botschafter Sir Tim Barrow, gesprochen von Irena Adrassy, der kroatischen EU-Botschafterin und turnusgemäßen EU-Präsidentin: „Thanks, goodbye and good riddance“! Gut gemeint, aber haarscharf daneben. Die Diplomatin wollte sich offenbar besonders englisch und sehr gewählt ausdrücken – vergriff sich aber peinlicherweise in der Terminologie. „Good riddance“ ist nämlich nicht eine ausgesprochen höfliche, sondern eine ausgesprochen unhöfliche Formel. Zu übersetzen etwa mit „auf Nimmerwiedersehen“ und sie „zeigt an, dass man froh ist, wenn jemand geht“, wie uns der „Collins Dictionary“ erläutert.

Dann stimmten die Delegierten wehmütig die alte (1711) schottische Weise „Auld Lang Syne“ („längst vergangene Zeiten“) an, mit der man zum Jahreswechsel der Verstorbenen gedenkt – doch das wissen die allerwenigsten und keiner hat, über jene drei unverständlichen Worte hinaus, auch nur eine blasse Ahnung vom weiteren Text. Unbeabsichtigt war das aber eine prophetische Geste: Denn während am Freitagabend in Westminster Brexit-Anhänger Bierhumpen und den Union Jack schwenkend fröhlich Urständ feierten und zum (per Tonband eingespielten) Mitternachts-Stundenschlag des Big Ben „Rule Britannia“ und „God Save the Queen“ grölten, feierten einige Hundert Kilometer weiter nördlich die Schotten bereits den geplanten Austritt aus dem Vereinigten Königreich – samt künftigem Wiedereintritt in die EU.

Währenddessen wurde, unter Ausschluss der Öffentlichkeit, der Brexit-Countdown auf die Fassade von 10 Downing Street projiziert, drinnen verschanzte sich der Premier und hielt – unter Ausschluss der nationalen Rundfunkgesellschaft BBC – seine historische Brexit-Rede via Facebook. Zur Feier des Tages verkauften die Konservativen, die mittlerweile zur nationalistischen Brexit-Partei degeneriert sind, per Website „Tea Towels“ mit dem Konterfei des Premiers und dem Spruchband „Got Brexit Done“ für zwölf Pfund das Stück und brachten zehn Millionen 50-Pence-Brexit-Gedenkmünzen in Umlauf (nachdem die Exemplare mit dem falschen Datum 31. Oktober 2019 eingeschmolzen waren). Nicht zufällig proklamierte Johnson, Brexit sei „not an end but a beginning“ – und paraphrasierte damit auffällig Winston Churchills großartigen Ausspruch vom November 1942, dies sei nicht das Ende, nicht einmal der Anfang vom Ende, sondern, „vielleicht das Ende des Anfangs“.

Boris Johnson wäre gerne der neue Churchill, der einem feindlich gesinnten Europa Churchills „never surrender!“ (niemals kapitulieren!) entgegenschleudert, den Krieg erklärt – und diesen selbstverständlich gewinnt. Aber Churchill hätte wenig Freude an seinem epigonalen Nachfolger, hatte er doch in seiner berühmten Zürcher Rede die prophetische Formel „United States of Europe“ geprägt. Ja, selbst Johnsons Vorgängerin Margaret Thatcher, deren dreifaches „No!“ an die Adresse des damaligen EG-Kommissionspräsidenten Delors uns noch in den Ohren nachhallt, hatte einst proklamiert: „Unser Schicksal ist in Europa, als Teil der Gemeinschaft.“ Donald Trump bezeichnet Johnson zwar nicht als zweiten Churchill, aber als „Britain Trump“. Und hält das zweifellos für ein großes Kompliment.

„Donald Trump bezeichnet Johnson zwar nicht als zweiten Churchill, aber als ,Britain Trump‘.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).