Christa Rose hat als Kind das Grauen von Auschwitz überlebt

Politik / 13.02.2020 • 06:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die 1937 geborene Rose wird nicht müde, zu warnen. Sie hält auch Vorträge an Schulen.

Die heute 82-Jährige teilt ihre Erinnerungen an eine geraubte Kindheit.

Lustenau Es war an einem Tag im Oktober 1944, als sich Christa Roses Leben für immer ändern sollte. Sie war damals sieben Jahre alt. Gemeinsam mit ihrer Mutter und dem dreijährigen Bruder Reiner lebte das Mädchen in einem Haus in Schlesien. Der Vater war eingezogen worden, befand sich zu diesem Zeitpunkt wohl in Ägypten, vermutet Rose. Er hätte möglicherweise helfen können an jenem schicksalhaften Herbsttag, als die Gestapo vor der Tür stand.

Warum, ist nicht ganz klar. Möglicherweise hatte jemand behauptet, dass der Vater jüdische Vorfahren habe. Einen Ariernachweis konnte die Mutter nicht vorlegen. „Sie haben uns daraufhin mit den Gewehrkolben hinausgetrieben. Wir konnten nicht einmal unsere Mäntel holen“, erzählt Rose. Das Mädchen wollte noch die geliebte Puppe mitnehmen. Doch ein Gestapo-Mann zertrat sie auf dem Boden. Eine Erinnerung, die sich Rose deutlich ins Gedächtnis eingebrannt hat.

Mutter fortgebracht

Gemeinsam mit anderen Menschen wurden die Mutter und die beiden Kinder in Lastwagen zum Bahnhof gebracht und anschließend in Viehwaggons verladen. Das Ziel der Reise war das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Die Seniorin erinnert sich daran, dass Menschen während der Fahrt ums Leben kamen, wohl aufgrund eines Herzinfarkts oder aus Erschöpfung. Ein Neugeborenes habe die ganze Nacht hindurch gewimmert. „Am Morgen war nichts mehr zu hören.“ Die Leichen seien erst am Tag darauf aus dem Waggon geholt worden. Im KZ Auschwitz-Birkenau angekommen, musste Rose die Selektion an der Rampe miterleben. Aus den Zügen heraus wurden die Menschen von SS-Ärzten getrennt – in Arbeitsfähige und jene, die sofort in den Gaskammern ermordet wurden. „Sie haben die Mutter fortgebracht, sie war jung und sollte arbeiten. Mein Bruder hat fürchterlich geweint.“

Die Geschwister kamen in die Kinderbaracke. Immer wieder seien ihnen Medikamente und Spritzen mit Krankheitserregern verabreicht worden. Der einzige Lichtblick war eine Pflegerin. „Wenn sie sich unbeobachtet fühlte, hat sie sich um uns gekümmert. Manchmal führte sie mich um sechs Uhr in der Früh an ein Fenster. Dort konnte ich meine Mutter am Appellplatz sehen. Sie mich aber nicht.“ Schließlich waren die beiden Geschwister so krank, dass sie in die Isolierbaracke kamen. Es habe kein Wasser oder Essen gegeben, schildert Rose. Auf die Insassen wartete nur noch der Tod. Das war kurz vor der Befreiung am 27. Jänner 1945. Der dreijährige Bruder war am Ende seiner Kräfte. Wäre es ihr nicht gelungen, eine versteckte Wasserleitung zu entdecken, hätte das Kleinkind wohl nicht überlebt, glaubt Rose. Als die Soldaten der Roten Armee in das KZ vorstießen, bot sich ihnen ein Bild des Schreckens. „Überall lagen Leichen.“

Die beiden Kinder waren schwer krank und halb verhungert. Doch sie lebten. „Meine Mutter war so froh. Sie hat ja nicht gewusst, dass wir noch da sind“, schildert die Seniorin. Die Familie blieb noch bis zum Frühjahr im Lager. Eine Rückkehr nach Schlesien war ausgeschlossen, das Schicksal des Vaters blieb unklar. Die Mutter wusste nur von einem Onkel in Berlin. Auf dem Fußweg ging es in die Stadt. Auch dort sollte sich keine Ruhe einstellen. Die Wohnung des Onkels war zu klein für die Familie. Nachdem die Kinder inmitten eines zerbombten Hauses eine noch mehr oder weniger intakte Etage entdeckt hatten, beschloss man kurzerhand, einzuziehen.

Flucht nach Westen

Drei Jahre nach Kriegsende kam der Vater zurück. Lange währte die Wiedersehensfreude nicht. „Er war Hoch- und Tiefbauingenieur und erfuhr, dass sich die Russen für seine Arbeit interessieren. Er befürchtete, nach Russland geschickt zu werden.“ Daraufhin floh er in den Westen. Frau und Kinder wollten folgen, mussten allerdings erst die richtige Gelegenheit abwarten. Sie standen unter ständiger Beobachtung.

In einem Zugwaggon versteckt ging es schließlich auf die Reise nach Westfalen. Doch statt der erwarteten Fahrt von eineinhalb Tagen waren die Mutter und die Geschwister eine Woche lang unterwegs. Sie ernährten sich von etwas Brot und Zucker und tranken Regenwasser, das durch das undichte Zugdach tropfe, schildert Rose. Sie kamen geschwächt, doch wohlbehalten in einem kleinen Ort nahe der niederländischen Grenze an. Die Familie war wieder vereint. Der Vater hatte Arbeit, Rose besuchte die Volksschule und später eine Realschule. „Das Leben begann langsam wieder, normal zu werden.“

Das Mädchen liebte es, zu lernen. Gerne hätte sie Medizin studiert, das kam für den Vater jedoch nicht infrage. Daher ließ sie sich zur Kindergärtnerin und Hortnerin ausbilden, war später auch als Kinderkrankenschwester und Intensivkrankenschwester tätig. Ihr Bildungs- und Berufsweg führte Rose unter anderem nach Großbritannien, in die Schweiz und nach Österreich. Schließlich legte sie einen Abstecher nach Lustenau ein, um im Entbindungsheim eine Vertretungsstelle zu übernehmen. Die Arbeit war so erfüllend, dass Rose beschloss, zu bleiben. Von 1964 bis 1972 war sie Leiterin des Entbindungsheims. Die 82-jährige Seniorin hat mittlerweile eine Biografie („Eine Lebensreise“) verfasst, hält Vorträge in Schulen, und wird nicht müde, immer wieder vor den Schrecknissen zu warnen, an die sie sich noch so gut erinnert. Vor einigen Jahren kehrte Rose sogar selbst nach Auschwitz zurück. Das ehemalige KZ ist heute eine Gedenkstätte. Lange Zeit saß die Seniorin in der Kinderbaracke und ließ die Erinnerungen auf sich wirken. Die Gerüche, die Gedanken, die Experimente, die Krankheiten, das Leid: Alles war plötzlich wieder präsent, als wäre es erst gestern passiert. VN-RAM