Birgit Entner-Gerhold

Kommentar

Birgit Entner-Gerhold

Willkommen im Jahr 2020

Politik / 18.06.2020 • 07:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Willkommen im Jahr 2020. Dem Jahr der Coronakrise. Einem Jahr, das offenbart, wie verfestigt traditionelle Rollenbilder sind. Einem Jahr, das zeigt, welch große Rückschritte binnen kürzester Zeit möglich sind.

Willkommen im Jahr 2020. Einem Jahr, in dem plötzlich für Systemerhalterinnen applaudiert wird. Einem Jahr, in dem vielen Frauen Dank ausgesprochen wird für die große Last, die sie in der Krise zu stemmen hatten.

Willkommen im Jahr 2020. Einem Jahr, in dem sich an der Einkommensschere dennoch kaum etwas ändern wird. Einem Jahr, in dem die Diskussion um die geringen Gehälter in vorwiegend weiblich besetzten Branchen schon wieder verblasst. Einem Jahr, in dem das Ungleichgewicht zwischen bezahlter und unbezahlter Arbeit, das vor allem Frauen betrifft, weiter zugenommen hat.

Willkommen im Jahr 2020, in dem es keine aufrichtige Einkommenstransparenz gibt und Kinderbetreuung vorwiegend Frauensache bleibt. Willkommen im Jahr 2020, in dem noch immer knapp die Hälfte der Paare mit Kindern unter 15 Jahren nach dem Modell Mann Vollzeit/Frau Teilzeit lebt und bei einem Viertel nur der Mann erwerbstätig ist. Willkommen in einem Jahr, in dem Teilzeit- und geringfügig Beschäftigte – also vor allem Frauen – besonders von der Arbeitsmarktkrise betroffen sind.

Willkommen im Jahr 2020, in dem sich noch viele Männer bei ihren Chefs und Kollegen erklären müssen, wenn sie Karenzzeiten übernehmen oder gerne in Elternteilzeit arbeiten möchten. Willkommen in einem Jahr, in dem automatisches Pensionssplitting – und somit Fairness für beide Partner in der Zukunft – noch immer auf sich warten lässt. Willkommen im Jahr 2020, das Ursprung weiterer Altersarmut bei Frauen sein wird.

Willkommen im Jahr 2020. Einem Jahr, in dem Führungspositionen weiterhin deutlich stärker von Männern besetzt werden, die gläserne Decke keine Erfindung ist und Frauen nachweislich weniger verdienen als Männer. Willkommen im Jahr 2020, in dem dieser Umstand vor allem auf die schlecht bezahlten Branchen, in denen Frauen arbeiten, geschoben wird (und wir wieder bei der Debatte über die geringen Gehälter in vorwiegend weiblich besetzten Branchen wären).

Willkommen im Jahr 2020, in dem Frauen noch immer vor ihren gewalttätigen Partnern flüchten müssen und häusliche Gewalt während der Krise deutlich zugenommen hat. Einem Jahr, in dem noch immer von Beziehungsdramen gesprochen wird, wenn es in einer Familie zu einem Mord gekommen ist. Willkommen im Jahr 2020, in dem 90 Prozent der Opfer häuslicher Gewalt weiblich sind.

Willkommen im Jahr 2020, in dem struktureller Sexismus real ist. Einem Jahr, in dem in Tirol ein stellvertretender Landeshauptmann eine WWF-Vertreterin in aller Öffentlichkeit als widerwärtiges Luder bezeichnen kann, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen.

Willkommen im Jahr 2020, das zeigt, dass großer Nachholbedarf besteht, nicht nur in Sachen Gleichberechtigung, sondern auch bei einfachen Fragen des grundlegenden Respekts.