Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Rückzug ist keine Alternative

Politik / 13.10.2020 • 06:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Wahlkampfzeiten, so unzivilisiert sie manchmal sein mögen, habe ich immer gemocht – die hitzigen Debatten, die aufschlussreichen bis absurden Momente, wenn Wahlkämpfende auf ihr Volk treffen, die Profile der Parteien, die endlich sichtbarer werden. Und Wahltage habe ich immer geliebt, schon als Kind – diese Aufregung, die da in der Luft lag, der würdevolle Charakter des Tages, das Wählengehen mit den Eltern, die Hochrechnungen im Fernsehen. Als Tochter einer sehr politikinteressierten Familie vielleicht unvermeidbar, dass man sich später auch in einem Beruf im politmedialen Komplex wiederfindet.

Die Déformation professionnelle von Medienmenschen, also die Dinge des Lebens gerne politisch zu analysieren, obwohl das Gegenüber oft nur mäßig daran interessiert ist, entwickelt sich über die Jahre weiter und macht sich vor allem in Wahlkampfzeiten bemerkbar. Man ist in einer gewissen Daueraufregung und erfreut sich am täglichen Adrenalinkick. Doch der vergangene Wiener Wahlkampf war der erste meines Lebens, der mich seltsam unberührt gelassen hat. Ein Wahlkampf auf Distanz, die Protagonisten wie hinter Glas. Man macht seine Arbeit so gut wie möglich und kann doch nicht ausblenden, dass ein Gefühl der Beklommenheit und existenziellen Bedrohung alles überschattet. Wahlkampf in der Pandemie macht keine Freude.

Die Welt daheim

Viele Menschen ziehen sich jetzt völlig ins Private zurück. Das neue Biedermeier, ein schon vor Jahren ausgerufener Trend, wird nun Wirklichkeit – aus Angst vor jenem bösartigen Virus, das uns und vieles, das uns wichtig ist, bedroht. Die Welt ist in den eigenen vier Wänden, nicht da draußen, wo alles unüberschaubar erscheint. Dieses Cocooning, der Rückzug ins Zuhause, hat nichts Kuschliges, sondern etwas Beunruhigendes. In kleinen Gemeinden gibt es noch Nähe zum anderen, in großen Städten wie Wien verliert man den Kontakt zur äußeren Welt und zueinander, wenn man nicht achtsam ist.

Gerade in der Ausnahmesituation wäre es wichtig, dass sich die aufgeklärten Bürgerinnen und Bürger in die öffentliche Debatte einbringen.

Derzeit hat man den Eindruck, dass die Verschwörungsgläubigen, die laut Forschung oft aus Angst vor Kontrollverlust in der Pandemie gegen Bill Gates oder Corona-Maßnahmen demonstrieren und sich lautstark gegen „das System“ auflehnen, die einzigen sind, die sich artikulieren. Dabei wäre es gerade in der Ausnahmesituation wichtig, dass sich die aufgeklärten Bürgerinnen und Bürger in die öffentliche Debatte einbringen. Also wir alle, die über die Ressourcen, die Bildung, die Möglichkeiten verfügen, eine Welt, die unkontrollierbar geworden ist, gemeinsam besser zu verstehen und die großen gesellschaftlichen Probleme irgendwie zu bewältigen.

Man darf die äußere Welt nicht aufgeben. Das eigene Sofa wird die Welt nicht ersetzen – egal, wie gut es sich darauf liegen mag.

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