Der Westen als Feindbild

Politik / 08.11.2020 • 08:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Der Westen als Feindbild
“Es gibt einige salafistische, radikalisierende Moscheen in Österreich, die man zusperren sollte”, sagt Khorchide. APA

Islamwissenschafter Mouhanad Khorchide über radikalisierende Moscheen in Österreich, Auslandseinflüsse und Lehren aus der Terrornacht.

Wien Hass auf den Westen prägt den politischen Islam. Und diesen gibt es auch in Österreich. Theologe Mouhanad Khorchide erzählt den VN von radikalisierenden Moscheen, „die man zusperren sollte“. Er erklärt außerdem, weshalb der Islam so häufig für Politik oder gar für Terroranschläge instrumentalisiert wird und welche Lehren aus dem Terroranschlag in Wien gezogen werden sollten.

Nach dem Terroranschlag erklärte Bundeskanzler Sebastian Kurz, dass es sich dabei um einen Anschlag aus Hass auf unser Lebensmodell handle. Ist es das, was den politischen Islam mitdefiniert? 

Auf jeden Fall. Es handelt sich um eine starke antiwestliche Ideologie. Der politische Islam projiziert in den Westen und die europäischen Regierungen ein Feindbild des Islam. Noch dazu spielt er mit Begriffen wie Islamophobie und antimuslimischem Rassismus, um sich gegen jede Form der auch berechtigten Kritik zu immunisieren. Damit wollen der politische Islam und seine Anhänger verhindern, dass sich vor allem junge Muslime mit dieser Gesellschaft identifizieren. Sie sollen sich als Opfer des Westens sehen.  

Woher kommt dieser Hass auf den Westen? 

Die Bewegung des politischen Islams, die Muslimbruderschaft, hat sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als antikoloniale Bewegung gegründet. Jetzt gibt es keine Kolonialzeit mehr, aber die Ideologie ist geblieben. Deshalb sehen sich die Anhänger mitten in einem Postkolonialismus. Der Westen versuche sie zu beeinflussen, wolle ihnen seine Werte oktroyieren.

Ist Radikalisierung eine soziale Frage, eine religiöse Frage, eine Frage der Herkunft?  

Viele junge Menschen, die hier aufgewachsen sind, fühlen sich oft sozial marginalisiert. Haben sie es nicht geschafft, im Bildungssystem oder am Arbeitsmarkt Fuß zu fassen, versuchen sie ihre soziale Marginalisierung damit zu deuten, dass sie aufgrund ihrer Religion ausgegrenzt werden. 

Wo werden die Menschen radikalisiert?  

Die jungen Menschen werden oft in radikalen Moscheen radikalisiert. Davon gibt es zwar nicht viele in Österreich, aber ein paar. Es gibt auch Radikalisierungen in sozialen Netzwerken, wo Menschen einfach gestrickte Schwarz-Weiß-Antworten auf ihre Fragen finden. Wir wissen auch, dass Gefängnisse Orte der Radikalisierung sein können. 

Warum kann man die radikalen Moscheen nicht einfach zusperren? 

Es gibt einige salafistische, radikalisierende Moscheen in Österreich, die man zusperren sollte. Sie dürfen nicht weiter existieren und Junge rekrutieren. Das gilt auch für einschlägige Online-Plattformen. Juristisch ist das noch schwierig. Es braucht klar definierte Kriterien, ab wann man eine Moschee schließen darf. Die Gesetze dazu müssen evaluiert werden. Auf der anderen Seite müssen Moscheen, die nicht radikalisiert sind, ein Alternativangebot bieten. 

Tun sie das nicht schon? 

Das Problem ist: Viele Moscheen sind zwar nicht radikalisiert und sprechen sich auch gegen Gewalt aus, aber sie sind sehr stark konservativ, sodass die jungen Menschen entweder nicht hingehen wollen oder zu einer ähnlichen Ideologie kommen, die junge Muslime vor die Wahl stellt: Entweder bin ich Österreicher oder frommer Muslim. So wird verhindert, dass sich die Menschen mit unserer Gesellschaft und deren demokratischen Werte identifizieren. Wir brauchen ein Islambild, das beides ermöglicht. Dass ein solches Bild vermittelt wird, sehe ich bei der Mehrheit der Moscheegemeinden nicht.  

Was braucht es dafür? 

Wichtig ist, dass sich die Moscheegemeinden als österreichische Verbände verstehen. Sie müssen mit jeglichen Abhängigkeiten vom Ausland, vor allem von der Türkei, abschließen. Wenn wir uns die Rhetorik anhören, wenn der türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan über den Islam redet, geht es nicht nur um religiöse Inhalte, sondern vor allem um antiwestliche. Moscheegemeinden sind von ihm und seinen Behörden beeinflusst. Wir brauchen Unabhängigkeit und keine politische Bindung. Außerdem brauchen wir eine Imame-Ausbildung in Österreich, die den Bedürfnissen der Menschen in Österreich entspricht. Die meisten Imame kommen aus dem Ausland und kennen die Lebenswirklichkeiten der jungen Menschen hier nicht.  

Wieso wird der Islam so häufig für Politik oder gar für Terroranschläge instrumentalisiert? 

Seit den Siebzigerjahren gibt es eine starke Tendenz der Islamisierung der arabischen Gesellschaften. Es kommt dazu, dass in den meisten islamischen Ländern heute keine klare Trennung zwischen Politik und Religion besteht. Solange es diese Verquickung gibt, gibt es immer wieder Organisationen, die politische Agenden oder Gewalt im Namen der Religion legitimieren wollen. Wir sollten auch das Wirken des Propheten Mohammed kritisch reflektieren: Es ist stark verbreitet, dass er Prophet und Staatsoberhaupt war, also Religion und Herrschaft vermischte. Von diesem Narrativ sollte man den Islam befreien. Es wird von vielen Herrschern und Anhängern des politischen Islams benutzt, um ihr Vorgehen zu legitimieren, obwohl das historische Material Gegenteiliges zeigt. Mohammed war Prophet und hat Dinge verwaltet, sich aber nicht als Staatsoberhaupt gesehen. 

Was müssen wir aus dem Anschlag in Wien lernen? 

Der Innenminister hat Versäumnisse zugegeben. Die Kommunikation zwischen den Behörden und Nachrichtendiensten ist nicht optimal verlaufen. Man muss junge Menschen, die versucht haben, sich der Terrormiliz Islamischer Staat im Ausland anzuschließen, Rückkehrer oder Gefährder sind, nicht nur beobachten. Es braucht auch einen Ausbau von Deradikalisierungsprogrammen. Der Verfassungsschutz muss die Netzwerke besser beobachten. Die Kommunikationskanäle zwischen Verfassungsschutz, Polizei und den involvierten Behörden müssen besser funktionieren. Auf der anderen Seite muss die Ideologie des politischen Islam genauer erforscht werden. Wir müssen auch auf Prävention setzen.

Zur Person

Mouhanad Khorchide ist Professor für Islamische Religionspädagogik an der Uni Münster, wo er das Zentrum für Islamische Theologie leitet. Der Theologe ist Vorsitzendender des wissenschaftlichen Beirats der österreichischen Dokumentationsstelle für Politischen Islam. Im Frühjahr hat er ein Buch mit dem Titel „Gottes falsche Anwälte. Der Verrat am Islam“ veröffentlicht.

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