Make America Great Again?

Politik / 11.11.2020 • 22:38 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Seit Monaten amüsieren wir uns damit, einander immer neue Karikaturen, Fotomontagen und Videos mit einem zur Witzfigur reduzierten Donald Trump zuzusenden – und schaudern zugleich über Schreckensnachrichten aus den USA: Hass, Gewalt, Angst, unaufhaltsamer Vormarsch des tödlichen Virus. „Make America Great Again!“ – mit diesem Versprechen hatte Trump im Juni 2015 seine Wahlkampagne eingeläutet. Der Wahlverlierer Trump hinterlässt ein Amerika, das alles andere als „great“ geworden ist.

Die NZZ spricht von einem „kollektiven Aufatmen“, das jetzt durch Europa gehe – weniger über den Wahlsieg Bidens, als über das Abtreten des sprunghaften, lügnerischen Egomanen Trump. Die Zeit der Unberechenbarkeit scheint nun für Europa endlich ein Ende zu nehmen – der Nachfolger Biden habe, so lautet die Hoffnung, mehr Sympathie und Verständnis für die Nato und die EU. Vor allem erhofft sich Europa ein Ende des von Trump geförderten Protektionismus mit Import- und Strafzöllen. Während Trump den Klimawandel zu negieren versuchte, scheint Biden mit der versprochenen Rückkehr zur Pariser Klimakonvention und der Ankündigung, die USA in 30 Jahren „klimaneutral“ zu machen, das Ruder herumzureißen. Grund zum Optimismus. Weniger allerdings für die europäischen Rechtspopulisten in Ungarn, Slowenien und Polen, welche jetzt ihren Mentor einbüßen.

Biden zieht mit einem außenpolitischen Erfahrungsschatz und mit mehr persönlicher Geschichtserfahrung ins Weiße Haus ein als die meisten seiner Vorgänger. Er gilt zu Recht als anständig. Doch für den Demokraten wird es kaum möglich sein, gegen den republikanisch dominierten Senat Reformen durchzubringen. Amerika ist nach dem Trump-Desaster womöglich gespaltener als seit dem Bürgerkrieg 1861 – 1865; die Chancen Bidens, die polarisierte Nation zu einigen sind gering. 13,9 Milliarden Dollar hat dieser Wahlkampf gekostet, und Trump ist nur einer von zwei Präsidenten in den letzten vier Jahrzehnten, dem eine zweite Amtszeit verweigert wurde. Aber Achtung: Trump hat in dieser Wahl trotz der von ihm heruntergespielten Covid-19-Katastrophe Millionen mehr Stimmen erhalten als 2016! Analytiker warnen: Die letzten 90 Tage von Trumps Regierungszeit könnten sich als die gefährlichste Periode in der Geschichte der USA erweisen: Trump werde wüten wie ein wild gewordenes Kind mit dem Vorschlaghammer im Porzellanladen.

„Trumps letzte 90 Tage könnten die gefährlichste Periode in der Geschichte der USA werden.“

Charles E.
Ritterband

charles.ritterband@vn.at

Dr. Charles E. Ritterband ist Journalist und Autor sowie langjähriger Auslandskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung (seit 2001 in Wien).

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