Gerold Riedmann

Kommentar

Gerold Riedmann

Gute Nachrichten, schlechte Nachrichten

Politik / 21.11.2020 • 08:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit

Die erste gute Nachricht ist, dass die Covidimpfstoffentwicklung in mehreren parallelen Projekten weiterhin die erhofft guten Resultate bestätigt und in Sachen Wirksamkeit die Erwartungen zu übertreffen scheint. Das deutsche Unternehmen BioNTech, das seinen Impfstoff gemeinsam mit dem US-Riesen Pfizer entwickelt, hat gestern sogar in den USA die beschleunigte Zulassung beantragt. Zusammen mit den Nachrichten über die hohe Wirksamkeit des Impfstoffs sind das ermutigende Nachrichten. Man muss wissen: Alle derzeit in Entwicklung und Tests befindlichen Präparate nutzen denselben Teil des Virus als Angriffspunkt: ein Protein, das “Spike” heißt. Wenn also die Formel von BioNTech funktioniert, dann spricht sehr viel dafür, dass auch die Impfstoffe von AstraZeneca und der Oxford-Universität oder Johnson&Johnson erfolgreich sein werden.

Für die rasche Verfügbarkeit des Impfstoffs, der auch schon jetzt, vor der Zulassung, vorproduziert wird, ist das eine gute Nachricht. Zunächst sollen in Österreich 600.000 Dosen Impfstoff verfügbar sein, das würde Vorarlberg in der Zuteilung etwa 30.000 Impfdosen bringen. Zunächst dürfte der verfügbare Impfstoff also für Bewohner von Alten- und Pflegeheimen sowie Personal im Gesundheitsbereich ausreichen, bis aber weite Teile der Bevölkerung Zugang zum Impfstoff haben, werden einige weitere Monate ins Land ziehen, Frühlingsmonate, in denen wir das schaffen müssen, worin wir im Herbst gerade formidabel gescheitert sind: die Infektionszahlen halbwegs unter Kontrolle zu halten.

Dies müsste, so der Bundeskanzler euphorisiert, ab nun mit Massenschnelltests nach slowakischem Vorbild besser klappen. Noch an einem Wochenende vor Weihnachten soll möglichst die gesamte Bevölkerung getestet werden. Da die Antigentests jedenfalls freiwillig sein werden, wird mit zwei bis drei Millionen Testwilligen gerechnet. Antigentests machen nur bei wiederholtem Einsatz Sinn, also wird es mehrere solcher Testschleifen brauchen. Die noch nicht beantwortete Frage lautet: Gelingt es, mit Massentests künftige Lockdowns zu verhindern? Bisher waren die harten Einschnitte das einzig bekannte, auch historisch erprobte Mittel gegen einen explosionsartigen Anstieg von Infektionen. Es wäre ebenso eine gute Nachricht, jedenfalls eine neue Perspektive, mit einer gewissen Hoffnung verbunden.

Die vorsichtige Reaktion der Landesregierung nach der Massentestankündigung von Bundeskanzler Sebastian Kurz deutet auf einen Alleingang des Bundeskanzleramtes hin. Gesundheitslandesrätin Martina Rüscher weiß auch nur das, “was in den Medien zu lesen war” und “hofft, in die weitere Umsetzung eingebunden zu werden”. Denn Kurz plant die Tests bisher zentral über das Bundesheer. Wo genau die Tests in wenigen Wochen in den Bezirkshauptstädten stattfinden sollen? Die Landesregierung weiß es nicht und es ist nicht die einzig ungeklärte Frage. Keine unbedingt gute Nachricht, offengestanden.

Die schlechteste aller Nachrichten ist, dass inzwischen 86 Menschen in Vorarlberg im Zusammenhang mit dem Coronavirus verstorben sind – mehr als die Hälfte davon in den vergangenen 20 Tagen.

Fakt ist, dass wir alle bis heute nicht wissen, ob wir unser Gesundheitssystem nur bis an seine Grenzen gebracht haben – oder darüber hinaus. Das werden die kommenden Wochen zeigen. In dieser Woche wurde die Zahl der verfügbaren Intensivbetten in Vorarlberg mehrfach aufgestockt, indem der OP-Aufwachraum in Feldkirch zu einer Notintensivstation umgebaut wurde. Patienten aus dem Stadtspital Dornbirn müssen in andere Krankenhäuser verlegt werden – dort ist die Intensivstation bereits am Limit.

Du hast einen Tipp für die VN Redaktion? Schicke uns jetzt Hinweise und Bilder an redaktion@vn.at.