Welche Herausforderungen auf den neuen Gesundheisminister warten

Politik / 15.04.2021 • 05:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Welche Herausforderungen auf den neuen Gesundheisminister warten
Wolfgang Mückstein ist der Nachfolger von Rudolf Anschober. Er wird gleich alle Hände voll zu tun haben. APA

Von den Spätfolgen bis zur Datenqualität: Experten führen aus.

WIEN Auf den neuen Gesundheitsminister Wolfgang Mückstein wartet in der Coronakrise eine Reihe an Herausforderungen. Experten nehmen Stellung zu einigen Problemfeldern.

Öffnungen und Lockerungen

Derzeit ist das Bild unterschiedlich: Während Wien und Niederösterreich wegen der angespannten Situation auf den Intensivstationen im Lockdown verharren, ist Vorarlberg mit Öffnungsschritten vorgeprescht. Allerdings ist die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche zuletzt deutlich gestiegen. Auch Österreichweit liegt die Sieben-Tages-Inzidenz vergleichsweise hoch, nämlich bei 210. Sollte der neue Gesundheitsminister regionale Öffnungsschritte also überdenken?

Nein, sagt der Gesundheitsexperte Armin Fidler. Der Mediziner, der auch in der Corona-Kommission sitzt, verweist darauf, dass Österreich sehr viel testet, viel mehr als beispielsweise Deutschland. Der Anteil der positiven Tests im Gesamttestvolumen sei zudem niedrig. „Daraus lässt sich schließen, dass auch die Dunkelziffer niedrig ist.“ Nicht nur die Inzidenz dürfe Richtwert sein. Vielmehr müsse auf die Kontaktnachverfolgung geachtet werden, die in Österreich gut funktioniert, und auf die Intensivstationen. Diese seien noch nicht stark ausgelastet. „Die einzige Notbremse ist der Lockdown. Diese nur wegen der Inzidenz zu ziehen, halte ich für falsch.“

Vorarlberg ist bei Öffnungen, etwa in der Gastronomie, vorangeschritten. <span class="copyright">APA</span>
Vorarlberg ist bei Öffnungen, etwa in der Gastronomie, vorangeschritten. APA

Psychische Folgen

Die Pandemie ist nicht nur eine gesundheitliche Krise. Eine ungewisse Zukunft, wirtschaftliche Schwierigkeiten oder Betreuungspflichten dürfte viele Menschen an den Rand der psychischen Belastungsgrenze bringen. Der Gesundheitsökonom Ernest Pichlbauer kritisiert nicht nur, dass es zu wenige Therapeuten gebe. Mangelnde Datenqualität sei ein großes und grundsätzliches Problem in Österreich, und somit auch in diesem Bereich. „Psychosoziale Daten werden nicht erhoben.” Datenbanken, die zum Beispiel Aufschluss darüber geben könnten, welche Jugendlichen aus welchen sozialen Verhältnissen und Wohnsituationen durch die Krise besonders stark unter psychischen Problemen leiden, fehlten.

Long Covid

Der zurückgetretene Gesundheitsminister Rudolf Anschober sprach es bereits bei seiner Abschiedspressekonferenz an: Long Covid, also die Spätfolgen einer Corona-Infektion, seien nicht zu unterschätzen. Schon allein deshalb dürften nach Durchimpfung der Risikogruppen nicht zu rasch Öffnungsschritte folgen. Public-Health-Experte Fidler gibt zu bedenken, dass Long-Covid-Patienten in der Gesundheitsversorgung noch keine große Rolle spielen. „Die Dunkelziffer ist sicher groß.“ Einerseits wisse man um Personen mit milder Covid-Symptomatik, die an einer Reihe unspezifischer Beschwerden wie beispielsweise Niedergeschlagenheit, Kopfschmerzen oder Gliederschmerzen litten. Andererseits gebe es Menschen, die eine schwere Corona-Erkrankung überstanden haben, sich aber nicht vollständig genesen fühlen. „Es wird bestimmt noch mehr Fälle geben“, sagt Fidler.

Für Gesundheitsökonom Pichlbauer ist Österreich in diesem Bereich prinzipiell gut gewappnet. „Wir haben eine hohe Facharztdichte. Das bekommen wir in den Griff.“

Impfungen

Das Impftempo lässt in Österreich zu wünschen übrig. Damit geht es dem Land nicht anders als anderen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union. Vieles hängt davon ab, ob die Hersteller ihre Lieferzusagen einhalten, was bei AstraZeneca, einem Vakzin, auf das Österreich stark gesetzt hat, nicht der Fall war.

Das Impftempo lässt in Österreich noch zu wünschen übrig. <span class="copyright">APA</span>
Das Impftempo lässt in Österreich noch zu wünschen übrig. APA

Gesundheitsökonom Pichlbauer sieht auch Versäumnisse, die in der Datenqualität begründet liegen. So sei schon vor einem Jahr darüber geredet worden, dass Risikogruppen besonders geschützt und früh geimpft werden müssen. “Es wurde aber praktisch nichts getan, um diese auch mit Namen und Adressen zu finden.” Der Experte nennt ein Beispiel: „Wenn alle Menschen über 65 Jahren geimpft werden, sollten in dieser Gruppe zuerst Diabetiker drankommen.“ Doch die Datenlage sei mangelhaft.

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