Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Wer will russisches Roulette spielen?

Politik / 12.07.2021 • 15:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Peter Heinz aus Rheinland-Pfalz ist jetzt auch über das deutsche Bundesland hinaus weltberühmt. „Die Nicht-Geimpften haben nicht die Freiheit, ihre Maske abzulegen. Sie dürfen nicht ins Stadion, nicht ins Schwimmbad und nicht ohne Maske im Supermarkt einkaufen. Und man darf Ungeimpften und jenen mit nur einer einfachen Impfung nicht mehr gestatten, in den Urlaub zu fahren“, sagte der Vorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung in Rheinland-Pfalz vergangene Woche in einem Interview, das quer durch den deutschen Sprachraum Impfunwillige aufbringt. „Ohne Impfung gibt es keine Freiheiten. Ohne diesen Druck werden wir die Menschen nicht überzeugen. Wer Ungeimpften Freiheiten zurückgibt, verspielt die Chance, alle Menschen mit der Impfung zu erreichen.“

Dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen, um die Pandemie mit ihren verheerenden Auswirkungen in den Griff zu bekommen, sollte unser aller gemeinsames Anliegen sein. Doch der harte Ton bringt noch mehr Emotion in eine verfahrene Debatte, die ohnehin hoch erhitzt geführt wird. Impfen oder nicht impfen, das ist keine Frage der Ideologie und sollte auch nicht dazu gemacht werden.

Impfung oder Infektion

Vielmehr ist es eine Frage der Vernunft. Wenn man zum Beispiel darauf hört, was der deutsche Virologe Christian Drosten, laut „Science“ einer der weltweit führenden Experten für Coronaviren, sagt: „Wer sich jetzt aktiv dagegen entscheidet, sich impfen zu lassen, der wird sich unweigerlich infizieren.“ Die Entscheidung gegen die Impfung ist also die Entscheidung für eine Infektion irgendwann, die von leichten Symptomen bis hin zur Intensivstation und zum Tod, aber auch zu Long Covid führen kann. Ein bisschen wie russisches Roulette – wer will das freiwillig spielen? Und dann vielleicht auch Kinder, die der Infektion schutzlos ausgeliefert sind, anstecken? Kinder, die oft von Long Covid betroffen sind und chronisch krank durchs Leben gehen müssten?

Dennoch sollte man Impfunwillige gerade jetzt nicht mit Drohungen weiter unter Druck setzen und so die Positionen verhärten.

Dennoch sollte man Impfunwillige gerade jetzt nicht mit Drohungen weiter unter Druck setzen und so die Positionen verhärten. Sondern versuchen, jene, die noch zu überzeugen sind, anzusprechen. Niederschwellige Impfangebote, wie es sie nun in Wien und anderen Bundesländern zusätzlich gibt, funktionieren offensichtlich gut und werden weiter ausgebaut – in der Nähe von Freizeitangeboten, ohne Termin und Registrierung, das dürfte für manche attraktiv sein.

Und ja, auch Gutscheine oder andere Anreize wären eine Möglichkeit, das Impftempo zu beschleunigen. Wer nicht erkennen will, dass die Impfung an sich ein Geschenk der Wissenschaft ist, kann vielleicht durch Populismus überzeugt werden, mitzumachen. Im Kampf gegen die Pandemie ist jedes Mittel erlaubt.