VN-Interview: “Machtempfinden gegenüber Frauen ist ein großes Problem”

Politik / 27.07.2021 • 15:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
VN-Interview: "Machtempfinden gegenüber Frauen ist ein großes Problem"
Die Nationalratsabgeordnete Holzleitner tourt gerade durch Österreich. Gemeinsam mit Feigl gab sie den VN in Schwarzach ein Interview. VN/PAULITSCH

SPÖ-Politikerinnen Holzleitner und Feigl über Gewalt an Frauen, schlechtere Bezahlung und Altersarmut.

SCHWARZACH Der gefährlichste Ort für Frauen sind die eigenen vier Wände. Das betont SPÖ-Frauenvorsitzende Eva-Maria Holzleitner (28) angesichts der jüngsten Serie an Frauenmorden im gemeinsamen VN-Interview mit der Vorarlberger Landesfrauenvorsitzenden Michelle Feigl (30). Frauenberatungsstellen fehle es an Finanzierung.

Heuer sind bereits 17 Frauen in Österreich mutmaßlich ermordet worden. Warum kommt es immer wieder zu solchen Fällen?

Holzleitner: Jeder einzelne dieser 17 Frauenmorde ist extrem heftig und schlimm. Die Täter waren meist Partner oder Ex-Partner. Das Machtempfinden von Männern gegenüber Frauen ist ein großes Problem.

Das Machtempfinden von Männern gegenüber Frauen ist ein großes Problem.

Eva-Maria Holzleitner, Frauenvorsitzende, SPÖ

Der gewaltsame Tod einer 13-Jährigen in Wien hat alle Parteien auf den Plan gerufen. Macht die Politik nicht genug?

Holzleitner: Nein. Gerade nach diesem Mord hat man gesehen, dass es einen dauerhaften Krisenstab benötigt, um sofort reagieren zu können. Wir wissen zum Beispiel von Frauenberatungsstellen, die mit der Finanzierung kämpfen. Das ist auch beim angekündigten Gewaltschutzpaket ein großes Thema. Vieles läuft über Projektfinanzierung, und nicht über Basisfinanzierung. Das heißt, dass sich Frauenberatungsstellen immer wieder neue Projekte einfallen lassen müssen, um finanziert zu werden. Die Opferschutzeinrichtungen sagen, es bräuchte über 200 Millionen Euro, um den laufenden Betrieb aufrechtzuerhalten und ein entsprechendes Angebot zu schaffen.

Der Fall in Wien hat zu einer Asyldebatte geführt. Zu Recht?

Holzleitner: Wir haben 17 Frauenmorde. Einer wird herausgegriffen und eine andere Debatte entfacht. Frauenpolitik ist stark in den Hintergrund gerückt, war in der medialen Berichterstattung viel weniger präsent. Und nur in diesem Fall drückt der Bundeskanzler seine große Betroffenheit aus. Vorher hat er sich nie zu dem Thema zu Wort gemeldet. Der gefährlichste Ort für Frauen sind die eigenen vier Wände. Man sollte grundsätzlich über patriarchale Strukturen sprechen, diese sind auch bei uns vorhanden.

Hat die Corona-Pandemie das Gewaltproblem verschärft?

Holzleitner: Ja. Man war mehr zu Hause, es gab mitunter ökonomische Engpässe. Viele hatten mit Jobverlust und Kurzarbeit zu kämpfen, dazu kamen Herausforderungen wie das Homeschooling.

Feigl: Auch mitgespielt hat, dass viele Frauen im Lockdown keine Auswege mehr hatten, keine sicheren Räume. Frauen sollen wissen, an welche Stelle sie sich wenden können. Da braucht es mehr Öffentlichkeitsarbeit, aber auch Bewusstseinsbildung. Man muss sich nicht schämen, Hilfe anzunehmen.

Frauen sollen wissen, an welche Stelle sie sich wenden können.

Michelle Feigl, Landesfrauenvorsitzende, SPÖ

Frauen verdienen in Österreich noch immer weitaus weniger als Männer. Laut Eurostat lag der Gender Pay Gap 2019 bei fast 20 Prozent, deutlich über dem EU-Schnitt. Warum ist dieser Unterschied gerade in Österreich so signifikant?

Feigl: Einer der Gründe ist sicher die hohe Teilzeitquote. Das ist gerade in Vorarlberg ein Problem. Ein Großteil der Frauen reduziert ihre Arbeit, ihr Erwerbseinkommen, sobald es in der Familie Kinder oder pflegebedürftige Erwachsene gibt. Männer gehen wiederum meistens in Teilzeit, um sich weiterzubilden und wechseln dann zurück in die Vollzeit. Frauen bleiben sehr lange in Teilzeit, was sich wiederum sehr negativ auf die Pension auswirkt. Ich glaube auch, dass es mehr kostenlose oder günstige Kinderbetreuungseinrichtungen braucht.

Müssen sich Frauen auch mehr Gedanken um die Berufswahl machen?

Holzleitner: Das ist sicher ein wichtiger, aber nicht der entscheidende Punkt. Man muss nicht alle Frauen in den MINT-Bereich (Anm: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) bringen, damit sie besser bezahlt werden. Es geht darum, branchenübergreifend eine bessere Bezahlung zu ermöglichen, von der man auch leben kann.

Könnte ein verpflichtendes Pensionssplitting Altersarmut bei Frauen verhindern?

Holzleitner: Es steht im Regierungsprogramm, aber ich denke, dass man da etwas vorsichtig sein muss. Wenn der Partner einen Mindestlohn bezieht, dann steigen letzten Endes beide mit einer geringen Pension aus. Das wichtigste ist, junge Frauen zu motivieren, selbstständig auf eigenen Beinen zu stehen und Vollzeit zu arbeiten.

Innerhalb der SPÖ kam es zu einem Streit zwischen Bundesparteichefin Pamela Rendi-Wagner und Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil. Das Ergebnis von Rendi-Wagner bei der Wiederwahl auf dem Bundesparteitag war auch nicht das Beste. Haben es Frauen in der Politik schwieriger?

Holzleitner: Es war sehr gut, dass es ein klärendes Gespräch in Kärnten gegeben hat. Ja, Frauen haben es schwieriger. Das hat auch eine Umfrage der Publizistin Ingrid Brodnig gezeigt. Frauen sind nach wie vor extrem stark mit Hassnachrichten und Drohungen konfrontiert, wenn sie in der Politik sind. In Wahrheit müssen sie mindestens doppelt so hart arbeiten wie die männlichen Kollegen, um ernst genommen zu werden. Aber wir lassen uns nicht unterkriegen.