Bürgermeisterinnen fordern mehr soziale Absicherung

Politik / 09.08.2021 • 05:35 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Bürgermeisterinnen fordern mehr soziale Absicherung
Vorarlberg zählt derzeit sechs Bürgermeisterinnen, eine davon ist Andrea Kaufmann (Dornbirn), die gleichzeitig auch Gemeindeverbandspräsidentin ist. VN

Amt mit Nachbesserungsbedarf: Mehrheit der Ortschefinnen pocht unter anderem auf eine Karenzregel.

Schwarzach, Wien Zu wenig soziale Absicherung, viel Arbeit und in kleinen Gemeinden unterbezahlt: Der Job einer Bürgermeisterin erfordert viel Herzblut, aber auch Nachbesserungen, wie eine Umfrage des Gemeindebundes zeigt. Die VN haben bei Vorarlberger Amtsträgerinnen nachgefragt.

Die soziale Absicherung fehlt. Eine Karenzregel sollte her.

Gerade einmal ein Viertel der Bürgermeisterinnen ist mit der sozialen Absicherung im Amt zufrieden. Auch die Vorarlberger Amtsinhaberinnen fordern Veränderung: „Eine bessere Absicherung ist unbedingt notwendig, da der Beruf sehr unberechenbar ist“, sagt etwa Alexandra Martin, Bürgermeisterin von Raggal. Ihre Dornbirner Amtskollegin, Andrea Kaufmann, plädiert für pensions- und sozialrechtliche Ansprüche nach dem Ausscheiden aus dem Amt. „Nur wenn die Rahmenbedingungen attraktiv sind, schaffen wir es, junge Menschen für so wichtige Funktionen zu gewinnen.“ Eine Karenzregelung sieht Kaufmann in einer direkt gewählten politischen Funktion ambivalent. „Wenn, dann sollte sie nur freiwillig sein.“ Unterm Strich sprechen sich laut Gemeindebund-Umfrage über 80 Prozent der Bürgermeisterinnen für eine Karenzregel im Bürgermeisteramt aus. Auch Angelika Schwarzmann, Bürgermeisterin von Alberschwende, sagt dazu: „Unbedingt.“ Carmen Steurer, Lingenauer Ortschefin, sieht ebenso dringenden Handlungsbedarf: „Dass es keine Karenzabsicherung gibt, ist für Bürgermeisterinnen eine Hemmschwelle, besonders wenn man in einem gewissen Alter ist.“ Martin hält das Bürgermeisteramt ohne Karenz für Frauen für noch unvorteilhafter.

Das Amt kostet viel Zeit für – manchmal – wenig Geld.

Viel Freizeit bleibt den Bürgermeisterinnen nicht – fast 80 Prozent haben wenig bis gar keine, wie die Umfrage zeigt. Hinzu kommt, dass fast 40 Prozent mit ihrem Gehalt wenig oder gar nicht zufrieden sind. Die Vorarlberger Bürgermeisterinnen plädieren vor allem dafür, in Kleingemeinden nachzubessern: Dort seien die Bürgermeisterinnen und Bürgermeister unterbezahlt, meint Schwarzmann. „Mit meiner derzeitigen Entlohnung bin ich zufrieden, der Einsatz dafür ist aber sehr hoch.“ Kaufmann hält das Gehaltsystem des Landes zwar für ausgewogen: „In vielen kleinen Gemeinden entspricht die Entlohnung für das Amt aber nicht dem zeitlichen und persönlichen Aufwand, der dafür notwendig ist. Das sollte unbedingt verbessert werden.“ Martin plädiert, die Bezahlung dringend konkret festzulegen: „Keiner sollte in die Situation kommen, dass über die Entlohnung in größerem Rahmen diskutiert wird.“ Steurer erklärt, mit ihrem Gehalt zufrieden zu sein, wenngleich damit auch die mindestens 40 bis 50 Überstunden abgedeckt sind, die sie jeden Monat leistet. Die normale Arbeitswoche von Kaufmann umfasst – abseits von Sommer- und Coronazeit – 60 bis 80 Stunden wöchentlich. Auch Schwarzmann berichtet von mindestens 60: „Den Kopf bekommt man auch am Wochenende nicht frei, weil es viele Veranstaltungen gibt und eine Entlastung durch andere politische Vertreter, die für die Gemeinde ehrenamtlich arbeiten, kaum möglich ist.“

Persönliche Anfeindungen gehören dazu.

Knapp die Hälfte der Bürgermeisterinnen erlebte persönliche Anfeindungen, vor allem in Gesprächen, per Post oder im Netz. Auch die Vorarlberger Amtsträgerinnen sind betroffen, wie etwa Martin berichtet. Schwarzmann erinnert sich „an die sehr vielen persönlichen Anfeindungen, die es vor allem bei meinem Einsatz für geflüchtete Menschen gegeben hat“. Das mache schon etwas mit einem.

Es gibt auch Unterschiede zu den männlichen Kollegen.

„Ob das Bürgermeisteramt von einer Frau oder einem Mann ausgeführt wird, macht keinen grundlegenden Unterschied“, sagt Kaufmann. Lediglich die Zugänge, Sichtweisen und Erfahrungen seien verschieden. Letztlich müssten aber alle Teamplayer sein. Martin glaubt, dass Bürgermeisterinnen besser vorbereitet sein müssen: „Es wird alles mehr hinterfragt.“ Auch Steurer berichtet von anderen Erwartungshaltungen, zum Beispiel in Sachen inhaltlicher Schwerpunktsetzung. Schwarzmann meint, dass die Haushalts- und Familienpflichten bei einer Bürgermeisterin trotz ihres Amtes größtenteils hängen bleiben. „Ich glaube, das ist bei männlichen Kollegen nicht der Fall.“ Sitzungstermine am Abend seien etwa überhaupt nicht familienfreundlich. „Ich bewundere alle Bürgermeister und Bürgermeisterinnen mit kleinen Kindern, die das schaffen“, sagt Schwarzmann.
Die Umfrage des Gemeindebunds offenbart auch hier spannende Zahlen. So gab die Hälfte der befragten Bürgermeisterinnen an, keine Kinder zu haben. Unter jenen mit Kindern berichteten 35 Prozent, den größten Teil der Familienarbeit trotz ihres Amtes selbst stemmen zu müssen, knapp jede Zehnte greift auf die Hilfe der Großeltern zurück. Die Hälfte teilt sich die Arbeit mit dem Partner auf. In nur zwei Prozent der Fälle übernimmt der Partner den größeren Teil der Familienarbeit.

Birgit Entner-Gerhold, Magdalena Raos, Michael Prock

Angelika Schwarzmann (Alberschwende): Unterschiede bei Familienarbeit. <span class="copyright">VOL</span>
Angelika Schwarzmann (Alberschwende): Unterschiede bei Familienarbeit. VOL
„Es wird alles mehr hinterfragt“, berichtet Alexandra Martin (Raggal).  <span class="copyright">VN</span>
„Es wird alles mehr hinterfragt“, berichtet Alexandra Martin (Raggal). VN
Andrea Kaufmann (Dornbirn) fordert pensionsrechtliche Ansprüche.<span class="copyright">VN</span>
Andrea Kaufmann (Dornbirn) fordert pensionsrechtliche Ansprüche.VN
Carmen Steurer (Lingenau): Fehlende Karenzregel ist eine Hemmschwelle.   <span class="copyright">VN</span>
Carmen Steurer (Lingenau): Fehlende Karenzregel ist eine Hemmschwelle. VN

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