Nicht nur Impfgegner in der FPÖ

Politik / 22.09.2021 • 05:30 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Nicht nur Impfgegner in der FPÖ
Christoph Bitschi erklärte bereits im Sommer, er sei kein Impfgegner, aber er sei gegen Bestrafungen. VN

Es gibt auch Freiheitliche, die sich impfen ließen. In einem sind sich aber alle gleich: Sie wollen keine Sanktionen.

Wien Der Vorarlberger FPÖ-Chef Christof Bitschi hat es getan, der freiheitliche Nationalratsabgeordnete Reinhard Bösch auch, ebenso der frühere Obmann Norbert Hofer. Sie alle sind geimpft.

Gleichzeitig poltert die Parteispitze auf Bundesebene gegen die Immunisierung. Herbert Kickl wartet mit teils einfach widerlegbaren Behauptungen auf, verdreht Zahlen zur Intensivbelegung und stellt die Wirksamkeit der Vakzine in Zweifel. Der freiheitliche Bundesparteiobmann ist auch nicht geimpft: Wer etwas anderes behauptet, wird geklagt, etwa PR-Berater Wolfgang Rosam, der in einem Interview von dem Gerücht erzählte, wonach sich Herbert Kickl heimlich impfen ließ. Der FPÖ-Obmann brachte am Dienstag eine Klage auf Unterlassung, Widerruf und Veröffentlichung ein.

Gleichzeitig polterte er weiter gegen die „penetrante und unreflektierte Impfpropaganda der Regierung“. Sie versuche, den Menschen mit einem Impfzwang das Recht auf die freie Entscheidung zu nehmen. Auch Bösch ortet Tendenzen in diese Richtung. „Es ist sicherlich zu bemerken, dass die Bundesregierung indirekte Impfzwänge aufbaut in verschiedenen Berufsfeldern, auch bei verschiedenen Möglichkeiten am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.“ Das sei genau das, was die Freiheitlichen nicht wollen. „Wir wollen eine seriöse Aufklärung über die Impfung, ihre Wirkung und ihre Nebenwirkungen und dazu gehört es auch, dass man eine breite Palette an Wissenschaftlern zu Wort kommen lässt, die auch die Impfung, wenn es evident ist, relativieren.“ Bösch selbst hat sich impfen lassen. „Ich habe nie ein Problem darin gesehen, bin mir aber bewusst, dass wir, die uns impfen lassen, natürlich Versuchskaninchen sind, weil man die Langzeitfolgen noch nicht abschätzen kann.“ Wenn eine dritte Impfung notwendig erscheine, „werde ich auch diese konsumieren“.

FPÖ-Generalsekretär Michael Schnedlitz will „lieber dreimal die Woche sporteln in freier Natur als dreimal impfen“, wie er in sozialen Netzwerken mitteilt. „Soll sich impfen lassen, wer möchte! Ich vertraue auf mein Immunsystem.“ Auch Mandatarin Dagmar Belakowitsch äußert sich energisch in Großbuchstaben: „ICH BIN UND BLEIBE NICHT COVID-GEIMPFT!“

Viel ruhiger geht es wiederum ihr früherer Parteichef Norbert Hofer an. Er veröffentlichte erst kürzlich, geimpft zu sein: „Ich bin aufgrund der Faktenlage davon überzeugt, dass eine Impfung schützt. Ich wehre mich aber dagegen, ungeimpfte Personen zu stigmatisieren.“ Auch der Vorarlberger FPÖ-Obmann Christof Bitschi sprach bereits im Sommer von einer zutiefst persönlichen Entscheidung, die jeder für sich selbst treffen müsse, ohne Bestrafungen und Sanktionen. Er selbst sei kein Impfgegner und geimpft.

In der Partei ist das kein Thema, berichtet Bösch: „Wer sich entschließt, sich impfen zu lassen, tut das, wer nicht, tut das nicht. Wir leben die Freiwilligkeit.“

APA-Faktencheck

Daten aus Israel belegen Effektivität der Impfung

Herbert Kickl verwendet gerne Daten aus Israel, um eine vermeintliche Ineffektivität der Impfung aufzuzeigen. Dabei bezieht er sich auf einen “Science”-Artikel“, wonach es sich bei 59 Prozent der 514 hospitalisierten Personen in Israel (Stand 15. August) um Geimpfte handelte. 87 Prozent dieser Impfdurchbrüche haben sich bei Personen im Alter von über 60 Jahren ereignet. Und hier vergisst Kickl eines: Über 90 Prozent dieser Altersgruppe waren zu dem  Zeitpunkt bereits geimpft. Weniger als zehn Prozent also ungeimpft, dennoch machten diese mehr als 40 Prozent der Hospitalisierungen aus. Hinzu kommt, dass die Altersgruppe der Über-60-Jährigen in Israel sehr früh geimpft wurde. Ein schwächerer Impfschutz ist daher möglich. Nur rund die Hälfte hatte Mitte August bereits die dritte Dosis erhalten. Der Anteil der Geimpften auf den Intensivstationen sinkt nun vor allem mit dem Anstieg der Impf-Auffrischungen. Mittlerweile sind laut israelischem Dashboard vor allem Ungeimpfte von schweren Verläufen betroffen.

 

Hauptsächlich Ungeimpfte auf Intensivstationen

Herbert Kickl bezog sich auch schon auf eine Behauptung des Gesundheitsökonomen Gerhard Pöttler, der unter Berufung auf “vertrauliche Quellen” erklärt, dass mittlerweile größtenteils Geimpfte auf Intensivstationen lägen. Diese Angaben stimmen nicht. Erst kürzlich veröffentlichte das Gesundheitsministerium auf “Standard”-Anfrage Daten, wonach von den 201 Covid-Patienten, die mit Stichtag 14. September auf der Intensivstation betreut werden mussten, lediglich elf Prozent vollständig geimpft waren, 89 Prozent waren ungeimpft oder noch nicht vollständig immunisiert.

 

“Pandemie der Ungeimpften”

Herbert Kickl stellt ebenso die „Pandemie der Ungeimpften“ in Frage. Er meint, dass ja nur noch Ungeimpfte getestet und dadurch die Zahlen verfälscht würden. Tatsächlich ist es schwierig, dies festzustellen. Dennoch gibt es Hinweise, dass die Behauptung Kickls unrichtig ist. Die letzten Daten aus Befragungen des Austrian Corona Panel Project (ACPP) von Juni 2021 zeigen, dass 59 Prozent der zweifach Geimpften mindestens einmal testen gegangen sind. Bei einmal Geimpften waren es 80 Prozent, bei Ungeimpften waren es 75 Prozent. Aktuellere Daten gibt es nicht, teilt Wirtschaftssoziologe Bernhard Kittel von der Uni Wien mit. Neue Daten seien wieder Ende der ersten Oktoberwoche zu erwarten. Kittel vermutet, dass der Anteil der Geimpften an den Testungen gesunken ist. Doch auch er spricht von einer Pandemie der Ungeimpften, da diese eher schwere Verläufe bei einer Krankheit hätten und sich dies auch bei der Belegung der Spitalbetten erkennen lässt.

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