Fünfte Welle: “Tun wir nichts, spielen wir russisches Roulette”

Politik / 06.01.2022 • 02:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Fünfte Welle: "Tun wir nichts, spielen wir russisches Roulette"
APA, Reuters

Bundesrettungskommandant Gerry Foitik plädiert für strengere Maßnahmen. Ein Lockdown wäre noch verfrüht. Ärztekammerpräsident Michael Jonas pocht auf kürzere Quarantänezeiten.

Schwarzach „Das Tempo ist im wahrsten Sinne des Wortes atemberaubend“, sagt Bundesrettungskommandant Gerry Foitik zur aktuellen Lage. Die Zahl der Infizierten steige aufgrund der Omikronvariante rasant. Nun müsse gegengesteuert werden, erklärt der Manager des Roten Kreuzes am Mittwoch im VN-Gespräch. Einen Lockdown brauche es noch nicht, strengere Maßnahmen aber sehr wohl.

Die Bundesregierung berät am 6. Jänner über die weitere Vorgehensweise. Ein Lockdown ist derzeit nicht geplant, eine kürze Quarantänedauer aber sehr wohl. <span class="copyright">Reuters</span>
Die Bundesregierung berät am 6. Jänner über die weitere Vorgehensweise. Ein Lockdown ist derzeit nicht geplant, eine kürze Quarantänedauer aber sehr wohl. Reuters
<p class="caption">Ein Lockdown dürfe nur eine Notmaßnahme sein, sagt Foitik. <span class="copyright">APA</span></p>

Ein Lockdown dürfe nur eine Notmaßnahme sein, sagt Foitik. APA

Foitik ist Mitglied der Gruppe zur gesamtstaatlichen Covid-Krisenkoordination (Gecko), die bereits am Dienstag tagte. Man habe die von der Bundesregierung gestellten Arbeitsaufträge abgearbeitet und über die aktuelle Situation beraten, erklärte das Expertengremium in einer Aussendung. Der Fokus liege nun auf der kritischen Infrastruktur. Trotz zunehmender Infektions- und Quarantänezahlen müsse in Bereichen wie Gesundheits-, Lebensmittel- und Energieversorgung weiterhin ausreichend Personal zur Verfügung zu stehen.

Am Donnerstag will die Bundesregierung mit den Ländern und Experten über entsprechende Maßnahmen beraten und die Ergebnisse um 14 Uhr präsentieren. Im Mittelpunkt der Debatte wird eine Anpassung der Quarantäneregeln stehen. Die meisten Landeshauptleute, auch der Vorarlberger Markus Wallner, haben sich für eine kürzere Dauer ausgesprochen.

<p class="caption"><span style="font-family: VNPolarisWeb, &quot;Arial Narrow&quot;, sans-serif; font-size: 0.875rem; background-color: rgb(255, 255, 255); color: initial;">Ärztekammerpräsident Michael Jonas fordert eine kürzere Quarantänedauer. </span></p>

Ärztekammerpräsident Michael Jonas fordert eine kürzere Quarantänedauer.

Am Mittwoch forderten die neun Landesärztekammer-Präsidenten, dass dreifach Geimpfte nicht in Quarantäne müssen, sollten sie mit einer infizierten Person in Kontakt gekommen sein. Zudem solle die Quarantäne bei Symptomlosigkeit nach fünf Tagen enden. „Wir haben Landeshauptmann Markus Wallner ersucht, beim Bund entsprechend zu intervenieren“, bestätigt Ärztekammerpräsident Michael Jonas. Er fürchtet, dass es in Krankenhäusern und Ordinationen bald zu wenig Personal geben könnte, sollten die Infektionszahlen wie in anderen Ländern auch hier so in die Höhe schnellen. Bereits vor Weihnachten sind seinen Aussagen zufolge Arzthelferinnen ausgefallen und Praxen deshalb gesperrt worden. Michael Jonas kann sich auch vorstellen, dass symptomlose Infizierte weiterarbeiten. „Wir müssen diesbezüglich zwar vorsichtig sein, unter Einhaltung entsprechender Schutzmaßnahmen und bei wenig Personenkontakt sollte das jedoch möglich sein.“

 „Wir müssen uns darauf einstellen, dass in der kritischen Infrastruktur das Personal wegbricht", sagt Fidler.
„Wir müssen uns darauf einstellen, dass in der kritischen Infrastruktur das Personal wegbricht", sagt Fidler.

Gesundheitsexperte Armin Fidler hält daran fest, bei einer Quarantäneverkürzung mit Bedacht vorzugehen. „Das ist eine Notfallmaßnahme“, betont er, sagt aber auch: „Wir müssen uns darauf einstellen, dass in der kritischen Infrastruktur das Personal wegbricht.“ Das Ausmaß beziffert er mit 10 bis 20 Prozent. Vor diesem Hintergrund vertritt auch er die Ansicht, dass symptomlose Betroffene unter Schutzmaßnahmen arbeiten können. Auf jeden Fall brauche es Notfallpläne, und zwar noch bevor der Notfall eintrete. Fidler geht davon aus, dass solche in Wien beraten werden.

Kein Thema dürfte bei dem heutigen Treffen ein Lockdown sein. Auch Gerry Foitik hielte das für verfrüht. Der Lockdown dürfe nur eine Notmaßnahme bleiben. Bevor es soweit komme, gebe es zahlreiche andere Möglichkeiten, um gegenzusteuern. Zentral sei es, Kontakte zu reduzieren und sich bei Kontakten zu schützen, etwa durch Treffen im Außenbereich, das Tragen einer FFP2-Maske, Abstandhalten und Händewaschen. Wer sich angeschlagen fühle, solle möglichst niemanden treffen.

Ein weiterer Lockdown ist noch kein Thema. <span class="copyright">VOL</span>
Ein weiterer Lockdown ist noch kein Thema. VOL

Es müsse diskutiert werden, bei welchen Kontakten am wenigsten Schutz möglich sei und auf welche man am ehesten verzichten könne, sagt der Manager des Roten Kreuzes. Die Gastronomie sei dabei sicher Thema. Die Anzahl der Gäste könne etwa reduziert werden. Die Frage sei allerdings, bis zu welchem Ausmaß dies wirtschaftlich sei. Strengere Kontrollen seien offenbar nicht durchzusetzen. Eine gewisse Schlampigkeit bei den Regeln führt laut Foitik dazu, dass die gelinderen Maßnahmen nicht ausreichend wirken.  „Auch Homeoffice ist ein Beispiel. Wo es möglich ist, sollte man es auf jeden Fall machen.“ Ein Lockdown werde nur wahrscheinlicher, „wenn wir jetzt nichts machen“.

Aktuell befinde sich Österreich noch in einer guten Lage, um Omikron einzudämmen, wie der Bundesrettungskommandant erklärt. Mitverantwortlich sei der vergangene Lockdown. Die Ausgangsposition werde aber mit jedem Tag schlechter. Foitik warnt davor, einfach auf eine Durchseuchung zu setzen. „Das würde bedeuten, dass wir als Gesellschaft aufgeben.“ Die Forscher des Complexity Science Hub gingen in einem Szenario davon aus, dass sich bis zu 20 Prozent der Bevölkerung binnen kurzer Zeit infizieren könnten. Das wären knapp 1,8 Millionen Menschen. Zahlreiche weitere müssten in Quarantäne. Das käme einem Mini-Lockdown gleich, hält der Rotkreuz-Manager fest. Ebenso wäre mit vielen schweren Erkrankungen zu rechnen. „Es gibt auch ein unkalkulierbares Risiko für Spätfolgen.“ Wenn zehn Prozent darunter litten, beträfe das 180.000 Menschen. „Einer so großen Unsicherheit sollte man mit großer Vorsicht begegnen und nicht mit Laisser-faire.“ Ergreife die Politik keine Maßnahmen, würde das Virus dem Zufall überlassen. Vor allem vulnerable Gruppen wären betroffen. Sie könnten sich durch Eigenverantwortung zwar ein wenig schützen, wären aber gleichzeitig auf die Solidarität der anderen angewiesen, sagt Foitik. „Dann spielen wir in der Gesellschaft russisches Roulette.“

Birgit Entner-Gerhold, Marlies Mohr

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