Es wird nicht bei Kasachstan bleiben

Politik / 07.01.2022 • 17:52 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ein Autowrack vor einem abgebrannten Verwaltungsgebäude in Almaty. AFP
Ein Autowrack vor einem abgebrannten Verwaltungsgebäude in Almaty. AFP

Ausbeutung durch die Postkommunisten wird zunehmend unerträglich.

nur-sultan In Kasachstan hat der brutale Befehl von Machthaber Kassym-Schomart Tokajew, „blind in die Massen zu schießen“, am Freitag zunächst zu taktischem Rückzug der Demonstranten geführt. Vor allem in der alten Hauptstadt Almaty traf vorerst die Behauptung des Regimes von einer „weitgehend“ beruhigten Lage zu. Die noch nicht überschaubaren Berge von Toten und Verletzten verwandeln jedoch die spontane Wut der Bevölkerung über explodierende Teuerung für die Armen und ausufernde Korruptionsgewinne in der herrschenden Schicht in feste Entschlossenheit, bis zum Sturz der Diktatur weiterzukämpfen.

Ähnliche Motive wie heute

Kasachstan wird damit zum dritten Unruheherd Zentralasiens nach Afghanistan und Chinas Xinjiang. Bisher war die zweitgrößte der einstigen Sowjetrepubliken nach Russland ein stabilerer Boden als ihre Nachbarstaaten im ehemaligen Russisch-Turkestan. Nur 2011 hatten ein Aufstand der Ölarbeiter von Schangaösen und seine blutige Niederschlagung regional die heutige gesamtkasachische Volkserhebung vorprogrammiert. Auch die Motive der Unruhen waren damals dieselben wie heute: Obwohl das Feld von Ösen landesweit 70 Prozent des Erdöls lieferte, musste seine Belegschaft unter gefährlichsten, veralteten Arbeitsbedingungen schuften und mit Hungerlöhnen vegetieren, während sich die Petro-Oligarchen mit Kasachstans Ölprinzessin Darigha Nasarbajewa, einer Präsidententochter, an der Spitze krumm verdienten.

Langzeitdiktator Nursultan Nasarbajew sicherte diesem postkommunistischen Ausbeutungssystem die Stabilität von 1990 bis 2019. Auch nach seinem Rücktritt als Präsident blieb er Vorsitzender der Einheitspartei „Nur Otan“  und gab die eigentliche Macht als Chef des Sicherheitsrates erst zu diesem Jahreswechsel auf. Sofort zeigte sich, dass sein Nachfolger Tokajew der autoritären und sozialrepressiven Führung Kasachstans nicht mehr gewachsen ist. Der Ideologe des kasachischen Widerstandes, Mukhtar Ablyazov, hält ihn für unfähiger, doch auch bösartiger als Nasarbajew. Tokajew habe mit seiner überzogenen Reaktion auf die Proteste diese erst zum Überkochen gebracht.

Befürchtungen Erdogans

Die Türkei spielt in Kasachstan heute eine wichtige Rolle. Sie war schon mit ihrer Einführung der lateinischen anstelle der arabischen Schrift von 1928 ein Vorbild, dem Almaty gleich im folgenden Jahr gefolgt ist. Nach der Wende trat Kasachstan dem „Türkischen Rat“ und der Kulturgemeinschaft TÜRKSOY bei, und erklärte Yasi zur „spirituellen Hauptstadt der türkischen Welt.“ Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan schlägt sich im heutigen Konflikt als einziger außerhalb des Moskauer Einflussbereiches auf die Seite des Führungssystems und seiner Handhabung der kasachischen Wirtschaft wie eines eigenen Familienbetriebes. Zu groß ist die Ähnlichkeit seines eigenen Gewinnschöpfungssystems im öffentlichen Finanz-, Bau- und Rüstungswesen mit der jetzt in Almaty in Frage gestellten Korruption. Erdogan fürchtet, dass ein Umsturz bei den „volkstürkischen Brüdern“ in Kasachstan auf die Türkei übergreifen könnte.

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