Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Ernsthaft sein ist alles

Politik / 08.02.2022 • 14:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Alle Menschen, die sich beruflich mit Politik beschäftigen, hatten es auch schon einmal amüsanter. Und all die interessierten Wählerinnen und Wähler, denen der Zustand unseres politischen Systems nicht egal ist, hatten natürlich auch schon Zeiten, in denen sie mehr zu lachen hatten. Und dennoch, Spaß und Satire in der Politik sind ein heikles Thema, gerade in Zeiten einer Pandemie.

Als kürzlich der Wiener Musiker, Unternehmer, Bierpartei-Gründer, Bezirkspolitiker und Arzt Marco Pogo (ein Mann mit so vielen Jobs, dass einem schwindlig werden könnte) ankündigte, als Kandidat für die Bundespräsidentschafts-Wahl antreten zu wollen, stellte ich mir also im ersten Moment die Frage: Ist die Lage nicht zu ernst und Politik nicht ein zu ernsthaftes Geschäft, um gerade jetzt einen humorvollen Wahlkampf einer Partei zu erleben, die sich stark über ihr Faible für Bier definiert?

Kandidaten – ja, es sind grundsätzlich Männer –, die mit den Mitteln der Satire in die Wahlschlacht ziehen, gibt es ja schon lange im internationalen politischen Spiel. Die Herren bringen dem Wahlvolk Botschaften gegen das „Establishment“, sie sind anders, sie sind spitz positioniert und sie scheuen keinen Gag auf Kosten der Mächtigen. Das hat wohl seine befreienden Momente, das kann Missstände und fragwürdige Gebräuche deutlicher sichtbar machen – die „Spaßpolitiker“, die meist nicht Spaßpolitiker genannt werden wollen, können durchaus eine demokratiepolitisch sinnvolle Rolle einnehmen, wenn sie das denn wollen: Den Politik-Profis einen Spiegel vorhalten und neue, unverbrauchte Gedanken einbringen.

Aus Spaß wird Ernst

Es wäre dabei allerdings wichtig, dass sich jene von außerhalb des Systems nicht selbst in die Sitten verstricken, die sie den Politikerinnen und Politikern so gerne vorwerfen. Wie etwa der italienische Komiker Beppe Grillo, der mit seiner Fünf-Sterne-Bewegung in Italien als Gegner des Establishments aufstieg – vor kurzem wurde bekannt, dass gegen Grillo wegen dubioser Deals ermittelt wird. Da hört sich der Spaß schnell auf.

Wenn Satire-Politiker wie der deutsche EU-Parlamentarier Martin Sonneborn, Vorsitzender von „Die Partei“, in den Institutionen sitzen und dort kaum inhaltlich auffällig werden (außer mit fragwürdigen Tweets), ist das angesichts der Leistungen mancher Profi-Politikmenschen zwar legitim, aber keine Bereicherung für die Demokratie. Medienleute, die im Umgang mit den „anderen“ Kandidaten den richtigen, professionellen Ton finden, und „Spaßpolitiker“, die die Politik bei allem Humor doch ernst nehmen – mit einer gewissen Ernsthaftigkeit auf beiden Seiten kann dabei vielleicht etwas Konstruktives entstehen, über einen flotten Wahlkampf hinaus.

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