Wohnungskosten und Teuerung setzen Vorarlberger stark unter Druck

Markt / 18.02.2022 • 10:48 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Wohnungskosten und Teuerung setzen Vorarlberger stark unter Druck
vn/steurer

Vorarlberg war schon bisher ein teures Pflaster zum Wohnen, die steigenden Energie-, Lebenskosten und Mieten setzen nun zunehmend mehr Menschen unter Druck.

Bregenz Die Vorarlberger Wohnungsberatung Kaplan Bonetti rechnet in Zukunft mit mehr Zulauf. Besonders von Wohnungslosigkeit bedroht seien Langzeitarbeitslose, deren Zahl sich seit 2021 mehr als verdoppelte. Laut Fachleuten ist das Wohnproblem in Vorarlberg aber strukturell bedingt und betrifft zunehmend auch den Mittelstand.

Noch sei in der Anlaufstelle wenig zu merken, erklärte Michael Hämmerle, Beratungsleiter bei Kaplan Bonetti, gegenüber der APA. Viele hätten dank staatlicher Maßnahmen in der Pandemie einen Jobverlust übertaucht und Reserven aufgelöst. Diese werden im Herbst aufgebraucht sein. “Krisen werden bei uns immer erst zeitverzögert schlagend”, so Hämmerle. Als alarmierend schätzt er die massiv gestiegene Zahl an Langzeitarbeitslosen ein, die häufiger von Wohnungsverlust betroffen sind. Im Jänner 2022 lag ihre Zahl laut AMS-Angaben trotz eines Rekords an offenen Stellen mit 2.433 Personen um 48 Prozent über dem Niveau vor der Krise.

“Familien unter Druck”

Hämmerle rechnet damit, dass neue Klientenschichten in der Wohnungsberatung hinzukommen. “Alles wird teurer, da kommen auch viele Familien unter Druck”, so der Sozialexperte. Betroffen sein werden vor allem Familien mit mehr als drei Kindern, Alleinerziehende und alleinstehende Pensionistinnen. Hämmerle forderte die Anhebung der Sozialhilfe, die erst im Frühjahr 2021 für die meisten Haushalte gekürzt worden sei. Zudem brauche es Investitionen in die Wohnbeihilfe, das Budget sei trotz starken Kostenanstiegs in den vergangenen Jahren gesunken. Seitens der Politik seien “allergrößte Anstrengungen” in den Bereichen gemeinnütziger Wohnbau und leistbare Mieten nötig. Nach der ARGE Wohnungslosenerhebung 2020, eines gemeinsamen Berichts Vorarlberger Sozialinstitutionen, gaben drei Viertel der betreuten Haushalte mehr als 30 Prozent ihrer Einnahmen für Wohnen aus, gut ein Drittel sogar mehr als 40 Prozent. Schon ab 25 Prozent sehen Fachleute ein leistbares Wohnen als nicht mehr gegeben.

Soziale Sprengkraft

Das Thema leistbares Wohnen betrifft in Vorarlberg aber nicht mehr nur Einkommensschwache, es ist vielmehr im Mittelstand angekommen. “Wer in Vorarlberg ein Haus baut, muss zum oberen Drittel gehören”, formulierte es Michael Diettrich, Sprecher der Vorarlberger Armutskonferenz. Er geht davon aus, dass bereits bis zu 40 Prozent der Bevölkerung damit kämpft, mit dem Einkommen auszukommen. “Die sind nicht arm, müssen aber jeden Cent dreimal umdrehen, jetzt sogar viermal”, so der Sozialfachmann. Dabei kämen viele Teuerungen erst noch auf uns zu, etwa durch die CO2-Bepreisung. Das Thema hat seiner Ansicht nach große soziale Sprengkraft. “Ich glaube nicht, dass es bei den Demos nur um Corona geht. Viele fühlen sich abgehängt”, meint er. Und das Thema Wohnbedarf sei eine Haupttriebfeder für das Zurückbleiben der unteren Mittelschicht. Seiner Ansicht nach braucht es eine Grundsicherung nach unten: “Was soll nach dem Zahlen der Wohnkosten übrig bleiben, um ein gutes Leben auf niedrigem Niveau zu ermöglichen? Da könnte man in der Wohnbeihilfe ansetzen. Statt dessen gibt es Pflästerchen: ein bisschen Drehen an den Obergrenzen, ein Teuerungsausgleich da, ein Klimabonus dort”, kritisierte Diettrich gegenüber der APA.

Gemeinnütziger Wohnbau

Auch die AK fordert eine Neugestaltung der Wohnbauförderung und mehr gemeinnützigen Wohnbau. In Vorarlberg sei die Verteilung von Lohneinkommen und Unternehmensgewinnen seit Jahren ungleicher als in anderen Bundesländern. Die enorme Auseinanderentwicklung der Löhne und Wohnpreise führten dazu, dass der Eigentumserwerb für den überwiegenden Teil der Arbeitnehmer in Vorarlberg unmöglich werden, so am Donnerstag AK-Präsident Hubert Hämmerle und AK-Direktor Rainer Keckeis. Den Auswüchsen am Grundstücksmarkt müsse ein Riegel vorgeschoben werden. Die durchschnittlichen Haus- und Wohnungspreise seien mit 66 bzw. 55 Prozent in den vergangenen fünf Jahren in keinem anderen Bundesland so stark gestiegen wie in Vorarlberg. Umwidmungen sollten besteuert werden, zudem müsse das Land einen Bodenfonds einrichten.

Der Vorarlberger Landespolitik scheint das Problem zwar bewusst zu sein – man beschloss Verbesserungen bei Wohnbeihilfe und Wohnbauförderung – aber nicht nur Fachleute bezweifeln, dass diese Maßnahmen die Situation dauerhaft verbessern. Laut dem Voranschlag sind im Landesbudget heuer für die Wohnbeihilfe 29 Millionen Euro vorgesehen, 2021 waren es 31 Mio. Euro. Es stelle sich die Frage, “ob mit einem solchen restriktiven Zugang zur Wohnbeihilfe der Zugang zu günstigem Wohnraum für junge Menschen und ihre Familien gegeben ist”, so die NEOS in einer aktuellen Landtagsanfrage. Für junge Vorarlberger werde es zusehends schwieriger, sich ihre Wohnträume zu erfüllen. Die Oppositionspartei legte dazu Erhebungen des Thinktanks Agenda Austria vor, wonach die Mietkosten pro Quadratmeter (ohne Betriebskosten) in Vorarlberg so hoch sind wie in keinem anderen Bundesland. Die Mieten stiegen demnach von 2010 bis 2020 um 45 Prozent, für privat gemietete Wohnungen um 51 Prozent. Die Inflation stieg im selben Zeitraum um rund 20 Prozent. APA