Ukraine: Diese Gefahr geht von Tschernobyl aus

Politik / 25.02.2022 • 18:00 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Ukraine: Diese Gefahr geht von Tschernobyl aus
Blick auf das Riesenrad der Geisterstadt Pripyat, die nur drei Kilometer vom Kraftwerk Tschernobyl entfernt liegt und unbewohnbar ist. APA/Fohringer

Aktive Atomkraftwerke stellen eine größere Gefahr dar, warnen Experten.

Tschernobyl „Russische Soldaten besetzen Tschernobyl.“ Diese Schlagzeile sorgte in den sozialen Netzwerken für Unruhe. Peter Hofer, Experte der Abteilung Strahlenschutz im Umweltministerium, ordnete für die Vorarlberger Nachrichten das Risiko ein: „Die vier Reaktoren sind in Tschernobyl stillgelegt. Am Standort gibt es unter anderem noch ein Zwischenlager für abgebrannte Brennelemente. Sollte dieses beschädigt werden, wären im Gegensatz zu 1986 die Auswirkungen geringer und auf die unmittelbare Umgebung – vor allem die Sperrzone – beschränkt.“

Hofer erläutert, was den Unterschied ausmacht: „Die abgebrannten Brennelemente im Zwischenlager sind in Betonbehältern. Selbst wenn es also zu einer Explosion im Zwischenlager kommt, würden sich die Trümmer in der lokalen Umgebung verteilen.“

1986 lag eine komplett andere Ausgangssituation vor: Denn in einem laufenden Kraftwerk, so Hofer, “gibt es sehr hohe Temperaturen, die radioaktiven Stoffe im Kern des Reaktors werden dadurch in sehr kleine Teilchen umgewandelt und diese können sich großflächig verteilen.” Die Stoffe Jod und Cäsium gelangten so bis zu 1500 Meter in die Höhe. Die wechselnden Luftströmungen trieben sie mit dem radioaktiven Fallout über fast ganz Europa. Je nach Wetterlage wurden die Länder unterschiedlich schwer getroffen.

Laufende AKW als größere Gefahr

Von den noch in Betrieb befindlichen Atomkraftwerken gehe eine größere Gefahr aus als von der Ruine Tschernobyl, betont Peter Hofer. Zu dieser Einschätzung kommt auch Olexi Pasyuk von der NGO Ecowatch. Der Chemiker beschäftigt sich seit 25 Jahren mit dem Thema Atomkraft und erneuerbare Energien. Die VN erreichten ihn im Auto auf der Flucht in Richtung Westen. Nicht nur eine Störung von außen, etwa durch das Militär, sei eine Gefahr, damit AKWs störungsfrei arbeiten, betont er. Wichtig sei, dass die Stabilität des Stromnetzwerks sichergestellt bleibt. Hier zeige sich die Schwachstelle der Atomkraft, ein Unsicherheitsfaktor, der bei Erneuerbaren Energien wegfällt: Ein Stromausfall kann die Kühlsysteme in Atomkraftwerken unterbrechen.

Pasyuk erläutert, dass die gesamte Stromversorgung in der Ukraine bereits zu mehr als 55 Prozent aus Atomenergie gespeist wird. Seit der Stilllegung von Tschernobyl hat die Ukraine noch vier aktive Atomkraftwerke mit insgesamt 15 Druckwasserreaktoren: Khmelnitsky, Riwne, Saporischschja und Südukraine.

Größtes Kraftwerk Europas

Saporischschja im Südosten der Ukraine ist das leistungsstärkste Atomkraftwerk in ganz Europa. In dieser Region meldete das ukrainische Verteidigungsministerium am Freitagmorgen auch russischen Raketenbeschuss.

Die Abteilung für Strahlenschutz in Österreich beobachtet die Situation insgesamt genau. Dazu gehört auch die aktuelle meteorologische Entwicklung. „Wir können im Anlassfall gut vorhersagen, wie sich radioaktive Luftmassen verfrachten und ausbreiten würden“, sagt Hofer.

Waldbrand bleibt Risiko

Knapp 36 Jahre nach Tschernobyl sind die kurzlebigen radioaktiven Stoffe bereits zerfallen. Und das langlebige Cäsium-137 befindet sich im Boden und in einem geringeren Ausmaß in Pflanzen. Es ist daher nicht auszuschließen, dass durch Brände Teile dieser radioaktiven Stoffe in die Luft gelangen.  Das war zum Beispiel bereits bei Waldbränden 2020 der Fall. Diese Mengen erfordern aber keine zusätzlichen Vorsichtsmaßnahmen, beruhigt Hofer.

Laut ukrainischer Atombehörde habe die Strahlung regional in den vergangenen zwei Tagen aber zugenommen. Das liege vermutlich an schweren Militärfahrzeugen, durch die radioaktiver Staub aufgewirbelt worden sei. Eine neuerliche Atomkatastrophe liege aber wohl in keinem Interesse, beurteilen Militärexperten am Freitag. Tschernobyl spielt vor allem aus geografischen Gründen eine Rolle. Es ist der kürzeste Weg, um nach Kiew zu gelangen.