Klimaschutz und Energieautonomie als Friedensprojekt

Politik / 01.03.2022 • 10:50 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Klimaschutz und Energieautonomie als Friedensprojekt
Hitze, Dürren, Ernteausfälle – so wie hier in Kolumbien in der Stadt Suesca: Insgesamt sind zwischen 3,3 und 3,6 Milliarden Menschen auf der Erde vulnerabel für negative Folgen des Klimawandels, heißt es im neuen Klimabericht. AP Photo/Fernando Vergara

Der Krieg in der Ukraine wirft seinen Schatten auch über den neuen Klimabericht. Bei dem Umstieg auf Erneuerbare Energie ist mehr Tempo gefragt.

Wien „Gas zeigt jetzt sein hässliches Gesicht“, schrieb Klimaministerin Leonore Gewessler am Montag auf Twitter. Für ein eilig einberufenes Sondertreffen der EU-Energieminister reiste sie am Anfang der Woche nach Brüssel. Ziel sei, so Gewessler, dass die EU-Länder mittel- und langfristig unabhängig von fossilen Energieträgern werden. Raus aus Öl und Gas: Der Krieg in der Ukraine bringt europaweit Bewegung in diese Diskussion. Zu deutlich sichtbar werden Abhängigkeiten von Russland.

Es handelt sich um eine dringend notwendige Kurskorrektur in der europäischen Energieversorgung, wie der zweite Teil des aktuellen Sachstandberichts des Weltklimarats zeigt. Die düstere Botschaft: Das Zeitfenster schließt sich, viele Entwicklungen sind bereits irreversibel.

Der Glaziologe und Klimaforscher Georg Kaser sprach von eindeutigen wissenschaftlichen Ergebnissen: Demnach ist die Sicherung einer lebenswerten und nachhaltigen Zukunft gefährdet. Kaser präsentierte in Wien gemeinsam mit Birgit Bednar-Friedl (Uni Graz) und Reinhard Mechler (IIASA) die alarmierenden Aussagen des Berichts, an dem die drei österreichischen Wissenschafter mitgearbeitet hatten. Der Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) – oder auch Weltklimarat – ist eine zwischenstaatliche Einrichtung. Fachleute bewerten weltweit regelmäßig den aktuellen Kenntnisstand zum Klimawandel. Die Berichte bieten eine Grundlagen für wissenschaftsbasierte politische Entscheidungen.

„Gefrierpunkt nicht verhandelbar“

Der IPCC-Bericht liefert auch erstmals wissenschaftliche Nachweise, wie sehr die Wirtschaft bereits betroffen ist. Die Auswirkungen auf den Tourismus lassen sich heute bereits erkennen – auch in Österreich. So würde selbst im günstigsten Fall, nämlich dem einer Begrenzung der Erderwärmung auf zwei Grad Celsius im Vergleich mit den vorindustriellen Zeitalter, die Schneemenge in den Alpen bis zum Ende des 21. Jahrhunderts noch um 30 Prozent sinken. Ohne Reduktion der CO2-Emissionen wären es sogar bis zu 70 Prozent. „Der Gefrierpunkt ist nicht verhandelbar“, so Kaser mit Blick in die Arktis, wo die Gletscherschmelze dramatische Folgen hätte.

Von Gletscher- oder Schneeschmelze abhängige Gebiete etwa im asiatischen Raum müssten mit einer Reduktion des Wasserangebots saisonal von bis zu 50 Prozent rechnen, der Verlust der Biodiversität erhöht sich bei einem Temperaturanstieg in Richtung drei Grad Celsius um das 10-fache. Jedes Zehntelgrad weniger an Erwärmung hilft jedoch, diese Konsequenzen zumindest einzudämmen“, verdeutlicht Kaser.

Klimaforscher Georg Kaser hat am zweiten Teil des sechsten Sachstandberichts des Klimarats mitgearbeitet. Am Montag präsentierte er mit Kollegen die Ergebnisse. <span class="copyright">APA/Hans Punz</span><span class="copyright"></span><span class="copyright"></span>
Klimaforscher Georg Kaser hat am zweiten Teil des sechsten Sachstandberichts des Klimarats mitgearbeitet. Am Montag präsentierte er mit Kollegen die Ergebnisse. APA/Hans Punz

Kritik an Umsetzung von Klimaschutz in Europa

Birgit Bednar-Friedl hat eine klare Diagnose: „In der Planung ist Europa sehr gut, aber nicht in der Umsetzung.“ Sie zählt vier Hauptrisiken auf, die sich durch den Bericht herauskristallisiert haben: Hitzewellen werden Menschen und Ökosystemen schaden. Anhaltende Hitze und Dürre bedrohen landwirtschaftliche Ernten und damit die Lebensmittelversorgung. Das Wasser in Europa könnte knapp werden. Das vierte Risiko beinhaltet das Gegenteil: Überflutungen und den Anstieg des Meeresspiegels.

Schon ein Zehntel Grad mache einen großen Unterschied. „50 Prozent der Weltbevölkerung sieht sich jedes Jahr schwerer Wasserknappheit ausgesetzt“, ergänzt Reinhard Mechler. Insgesamt sind zwischen 3,3 und 3,6 Milliarden Menschen auf der Erde hochgradig anfällig für negative Folgen des Klimawandels, stellt der IPCC fest. 

Klimaschutz und Energieautonomie als Friedensprojekt

Im Würgegriff der Fossilen

„Verzögerung bedeutet Tod“, reagierte UN-Generalsekretär António Guterres. Der globale Energiemix, der derzeit vor allem aus Öl und Kohle besteht, sei „kaputt“, fossile Energieträger würden die Menschheit im Würgegriff halten. Die Abhängigkeit von diesen mache die globale Wirtschaft und die Sicherheit der Energiesysteme anfällig für geopolitische Schocks und Krisen.

Der Ukraine-Krieg hinterließ auch im wissenschaftlichen Prozess seine Spuren. Die ukrainische Delegation von Wissenschaftern hatte sich am Wochenende aus den finalen Sitzungen vor der Veröffentlichung des Klimaberichts zurückgezogen. In dem Plenum werden von 200 Landesvertretern letzte Details verhandelt. Es sei ihnen unmöglich, sich auf den Wortlaut des Abschlussdokuments zu konzentrieren, während ihre Stadt angegriffen und bombardiert werde, sagte die ukrainische Klimatologin Svitlana Krakovska.

Die Krise könnte nun die notwendigen Klimaschutzmaßnahmen in Europa vorantreiben. Innerhalb weniger Tage sei es zu einem rasanten Umdenken gekommen, was die geopolitische Lage und die Energieabhängigkeit betreffe, sagt Meteorologe Simon Tschannett. Der Vorarlberger ist Experte für Anpassungsstrategien im Bereich Erderhitzung. „Erneuerbare Energien sind ein wichtiger Weg dahin, dass das mit dem Klimaschutz klappt“, sagt Tschannett. Es öffne sich gerade ein Fenster: „Es wird klar, was alles auf dem Spiel steht. Dadurch kann man große Schritte machen und die müssen jetzt auch passieren.“