Kämpfe in Ukraine weiten sich aus, Mariupol eingeschlossen

Politik / 11.03.2022 • 20:11 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Bewohner werden aus einen beschossenen Wohnhaus in Wolnowacha evakuiert. <span class="copyright">REUTERS/Alexander Ermochenko</span>
Bewohner werden aus einen beschossenen Wohnhaus in Wolnowacha evakuiert. REUTERS/Alexander Ermochenko

In der nun dritten Woche des Krieges hat Russland seine Angriffe in der Ukraine auf den Westen des Landes ausgeweitet, bald könnten die Truppen auch die Hauptstadt Kiew erreichen.

Kiew, Moskau Die südostukrainische Hafenstadt Mariupol ist laut Russland blockiert. Nach Angaben der örtlichen Behörden wurden seit der Belagerung mindestens 1.500 Menschen getötet. Laut Internationalem Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) sind die Bedingungen für die rund 300.000 Zivilisten in der Stadt katastrophal.

Gegenseitige Vorwürfe

“Alle Brücken und Zufahrten zur Stadt sind zerstört”, sagte Generaloberst Michail Misinzew vom russischen Verteidigungsministerium am Freitag in Moskau nach Angaben der Agentur Interfax.

Ein Wohnblock in Mariupol unter Panzerbeschuss. <span class="copyright">AP Photo/Evgeniy Maloletka</span>
Ein Wohnblock in Mariupol unter Panzerbeschuss. AP Photo/Evgeniy Maloletka

Er behauptete, dass ukrainische “Nationalisten” die Hauptstraßen vermint hätten und wahllos das Feuer eröffnen würden. “Damit zwingen sie die Bevölkerung, in ihren Häusern zu bleiben.” Es waren schon mehrere Anläufe gescheitert, Zivilisten über vereinbarte Fluchtkorridore zu retten. Beide Seiten warfen sich gegenseitig vor, gegen eine vereinbarte Waffenruhe verstoßen zu haben. Das ließ sich nicht unabhängig überprüfen.

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Wolnowacha in russischer Hand

Knapp 50 Kilometer nördlich von Mariupol hätten prorussische Separatisten die Stadt Wolnowacha unter ihre Kontrolle gebracht. Die Bewohner hätten angeblich nicht evakuiert werden wollen, behauptete Misinzew. Wolnowacha stand aber noch am Morgen auf einer ukrainischen Liste mit Städten, die evakuiert werden sollten.

Ein Separatistenkämpfer in Wolnowocha. <span class="copyright">REUTERS/Alexander Ermochenko</span>
Ein Separatistenkämpfer in Wolnowocha. REUTERS/Alexander Ermochenko
Wolnowacha <span class="copyright">REUTERS/Alexander Ermochenko</span>
Wolnowacha REUTERS/Alexander Ermochenko

Das russische Militär habe am Vormittag zehn Fluchtkorridore in Richtung Russland geöffnet. Kiew habe aber keinen dieser Wege geöffnet, weil angeblich niemand ins Nachbarland gebracht werden wolle. Es seien innerhalb eines Tages ohne Beteiligung der Ukraine 34.000 evakuiert werden, geht aus dem Militärbericht weiter hervor.

Vorrücken auf Kiew

Satellitenbilder der Firma Maxar zeigten gepanzerte Fahrzeuge in Orten nahe des Antonow-Flughafens nordwestlich von Kiew. Andere Einheiten seien in Lubjanka nördlich der Hauptstadt eingerückt und hätten Artilleriegeschütze in Stellung gebracht, teilte der US-Konzern mit. Das britische Verteidigungsministerium erklärte, der Umbau sei “eine Neuaufstellung für neue offensive Aktivitäten in den kommenden Tagen”, wohl auch gegen Kiew. Der Generalstab der Ukraine berichtete ebenfalls, die russischen Truppen gruppierten sich neu und sprach von schweren Verlusten auf Seiten der Invasoren.

Zivilisten in den Vorstädten von Kiew. <span class="copyright">REUTERS/Serhii Nuzhnenko</span>
Zivilisten in den Vorstädten von Kiew. REUTERS/Serhii Nuzhnenko

Die Angaben können nicht von unabhängiger Seite überprüft werden. Die russische Führung spricht nicht von einem Krieg in der Ukraine, sondern von einem militärischen Sondereinsatz, der das Land entmilitarisieren und entnazifizieren solle.

Evakuierungen scheitern

Nach Angaben des Generalobersts gab es Probleme bei Fluchtkorridoren in der umkämpften Kleinstadt Isjum und in Losowa. Dort sei die Evakuierung unterbrochen worden. Der Fluchtweg sei vermint gewesen, außerdem habe es Beschuss gegeben, sagte Misinzew. Auch diese Angaben waren nicht unabhängig zu überprüfen.

Luftangriffe

Das russische Verteidigungsministerium teilte mit, in der Nacht auf Freitag seien Luftwaffenstützpunkte in der westukrainischen Gebietshauptstadt Iwano-Frankiwsk und in Luzk im Nordwesten des Landes mit “Hochpräzisionswaffen” außer Gefecht gesetzt worden. Luzk und Iwano-Frankiwsk befinden sich nördlich und südlich der Stadt Lwiw unweit der polnischen Grenze, in die zunächst viele Ukrainer wegen der Kämpfe geflohen waren.

Die UN ermittelt wegen dem Verdacht der Kriegsverbrechen gegen Russland, vor allem nach dem Angriff auf eine Gebärklinik in Mariupol. <span class="copyright">AP Photo/Evgeniy Maloletk</span>
Die UN ermittelt wegen dem Verdacht der Kriegsverbrechen gegen Russland, vor allem nach dem Angriff auf eine Gebärklinik in Mariupol. AP Photo/Evgeniy Maloletk

Aus mehreren Teilen der Ukraine wurden russische Bombardierungen gemeldet. Der Katastrophenschutz in Dnipro berichtete von drei Luftangriffen, bei denen mindestens ein Mensch ums Leben gekommen sei. Wohngebiete in Charkiw wurden dem Gouverneur der Region zufolge an einem Tag 89 Mal bombardiert. Bürgermeister Ihor Terechow berichtete von 48 zerstörten Schulen. In Charkiw soll erneut ein nukleares Forschungszentrum beschossen worden sein. Welche Folgen die Schäden haben, war zunächst unklar.

Russland beansprucht Atomkraftwerk

Dem ukrainischen Energieversorger Energoatom zufolge waren fast eine Million Menschen ohne Strom. Nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sind inzwischen mehr als 2,5 Millionen Menschen aus der Ukraine geflohen, die meisten von ihnen nach Polen.

Mariupol<span class="copyright">AP Photo/Evgeniy Maloletk</span>
MariupolAP Photo/Evgeniy Maloletk

Nach Angaben von Energoatom beansprucht Russland das besetzte ukrainische Kernkraftwerk Saporischschja. Den Mitarbeitern sei gesagt worden, dass es nun dem russischen Staatskonzern Rosatom gehöre, erklärte Energoatom. Russische Truppen hatten das größte Atomkaftwerk Europas am 04. März eingenommen.

Belarus scheinbar unter Druck

Nach Darstellung der Ukraine will Russland mit Luftangriffen auf belarussische Dörfer einen Kriegseintritt des Nachbarlandes provozieren. Der ukrainische Grenzschutz habe am Nachmittag den Start russischer Kampfflugzeuge von einem Fliegerhorst in Belarus registriert, teilte die ukrainische Luftwaffe am Freitag mit. Die Maschinen seien in den ukrainischen Luftraum eingedrungen und hätten dann das Feuer auf das Dorf Kopani in Belarus eröffnet.

“Dies ist eine Provokation! Das Ziel ist es, die Streitkräfte der Republik Belarus in den Krieg mit der Ukraine reinzuziehen”, erklärte die ukrainische Luftwaffe. Nach Angaben der ukrainischen Armee wurden zwei weitere belarussische Gemeinden ebenfalls von den russischen Flugzeugen angegriffen.

Der belarussische Diktator ist faktisch nur dank russischer Unterstützung an der Macht. <span class="copyright">Sergei Guneyev, Sputnik, Kremlin Pool Photo via AP</span>
Der belarussische Diktator ist faktisch nur dank russischer Unterstützung an der Macht. Sergei Guneyev, Sputnik, Kremlin Pool Photo via AP

Tatsächlich gibt es seit Tagen immer wieder entsprechenden Hinweise, die sich aber nur schwer überprüfen lassen. Allem Anschein nach verwehrt sich Belarus, aktiv an den Kämpfen teilzunehmen. Dafür scheint es mehrere Gründe zu geben: Das belarussische Militär ist schwächer aufgestellt als der russische Waffenbruder. Es gibt außerdem Berichte, dass die Offiziere den Angriff nicht unterstützen, die Rede ist von Meutereien und dem Rücktritt des stellvertretenden Verteidigungsministers. Hinzu kommt, dass die Belarussen einen offeneren Zugang zum Internet genießen als Russen und daher auch inoffizielle Informationen zum Krieg erhalten. Putin wiederum würde von einer weiteren Front zwischen Kiew und Polen profitieren – vor allem, wenn er dafür keine eigenen Truppen stellen müsste. APA, VN