Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Brutaler Zynismus

Politik / 14.04.2022 • 06:59 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Plötzlich werden Ortsnamen, von denen wir zuvor nie gehört hatten, ja nicht einmal ahnten, in welchem Land diese Orte liegen, zu Begriffen: Mariupol, Butscha, Kramatorsk. Sie wurden zum Inbegriff – zum Inbegriff der unsäglichen Schrecken dieses ersten großen Krieges seit dem Zweiten Weltkrieg, zu Symbolen der Brutalität einer von einem Despoten geführten Macht gegen Zivilisten. Die hier mit Streumunition – einer verheerend brutalen Waffe – bestückte aber auch Boden-Boden-Rakete vom Typ Tochka-U, die am 8. April im Bahnhof von Kramatorsk eingeschlagen hatte, wo Tausende von Zivilisten auf die Evakuierung per Eisenbahn gewartet hatten, ist eine für heutige technologische Verhältnisse ungenaue Waffe: Das Missil mit einer Reichweite von 120 Kilometern schlägt oft einen halben Kilometer oder mehr vom anvisierten Ziel entfernt ein. Aber: Die noch aus sowjetischer Fabrikation stammende Tochka-U oder OTR-21 wird von beiden Kriegsgegnern, Russland und Ukraine, eingesetzt.

Zynismus als Zuckerguss über der Brutalität.“

Die Detonation des Missils in jener Bahnstation forderte 57 Todesopfer und 109 Verletzte. Ukraine beschuldigt Russland, gezielt Zivilisten zu töten, die auf ihre Evakuierung aus der Kampfzone warten – Russland wirft der Ukraine vor, auf die eigene Bevölkerung gezielt zu haben. Die Ungenauigkeit der Rakete lässt die Frage nach deren Ursprung offen. Besonders schockierend war die Inschrift auf dem Missil, in kyrillischen Lettern: „Für die Kinder“. Zynische Botschaften auf Raketen und Bomben sind nichts Neues: Bekannt wurde die Inschrift auf britische Bomben im Zweiten Weltkrieg: „Happy Easter Adolf“ („Fröhliche Ostern Adolf“). Die vielfach fotografisch festgehaltene Inschrift auf dem Missil von Kramatorsk war erschreckend – gerade in ihrer Doppeldeutigkeit. Im ersten Moment erschien sie als schrecklich zynische Botschaft eines mörderischen Regimes: Ziel dieser Rakete waren ukrainische Kinder. Doch die russische Propaganda dreht den Spieß um: Dieses Missil sei die Rache für die – angeblich – von den Ukrainern getöteten russischen Kinder im Donbass.

Für mörderische, totalitäre Regimes ist Zynismus gewissermaßen der Zuckerguss über ihrer Brutalität – ein sadistisch-perverser „Humor“, der die Opfer zusätzlich erniedrigen soll. Auf dem Gang in die Gaskammern spielte in manchen Vernichtungslagern des NS-Regimes ein Orchester auf. Die Musiker, welche gezwungen wurden, das Morden musikalisch zu untermalen, waren ausnahmslos hervorragende Künstler. Die Botschaft der Nazi-Schergen an die jüdischen Opfer war eindeutig: „Seht, was Euch all Eure überdurchschnittliche Begabung nützt. Gar nichts, vor der Mündung unserer Waffen“. Kinder als Inbegriff von Unschuld als Slogan auf einer Rakete – genau derselbe Zynismus wie Walzerklänge auf dem Weg in die Gaskammer.

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