Antibiotikaresistente Keime auf jedem dritten Fleisch

Politik / 06.05.2022 • 11:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
Die Fleischproduktion innerhalb der EU zeigt ihre Mängel: Tierleid und gesundheitliche Folgen für Menschen. <span class="copyright">APA/Friso Gentsch</span>
Die Fleischproduktion innerhalb der EU zeigt ihre Mängel: Tierleid und gesundheitliche Folgen für Menschen. APA/Friso Gentsch

EU-Abgeordneter Thomas Waitz weist auf hohe Gesundheitskosten durch billige Fleischproduktion hin.

Wien/Brüssel Für das neue Tierschutzpaket hagelt es Kritik. Neben Vollspaltböden bei Schweinen sind es vor allem Transporte von noch nicht entwöhnten Kälbern, die polarisieren. Die Tiere leiden während der Fahrt Hunger, da sie noch nicht eigenständig essen können. Österreich habe mit dem neuen Tierschutzpaket, durch das Kälber weiterhin ab der dritten Woche transportiert werden dürfen, die Chance vertan, dieses Leid zu beenden, und schwächt zudem weiter regionale Fleischproduktion mit hoher Qualität, so Kritiker.

Keine Verbesserungen auf EU-Ebene

Dass Verbesserungen auf EU-Ebene abgeschmettert wurden, war auch für den EU-Abgeordneten Thomas Waitz (Grüne) eine herbe Enttäuschung. Er war Mitglied des Tiertransporte-U-Ausschusses im EU-Parlament und erstellte mit Politikern aus mehreren Parteien 18 Monate lang einen Aktionsplan. Bei der Plenarsitzung wurden in diesem Jahr jedoch die Regelungen für nicht entwöhnte Kälber und trächtige Tiere sogar noch weiter geschwächt.

“Kälber sind bis zur fünften Woche einfach noch nicht transportfähig”, verweist Waitz. Wenn Kälber transportiert werden, müssten sie nach spätestens acht Stunden gefüttert werden. Gesetz und Praxis klaffen hier auseinander. „Wie soll man auf einem Autobahnparkplatz 160 bis 200 Kälber, die dreistöckig in einem Lkw zusammengepfercht sind, füttern? Das geht sich weder technisch noch zeitlich aus“, so Waitz. Zudem haben die Tiere noch eine immunologische Lücke, sie sind für Krankheiten besonders anfällig. In der Mast kommt es dann über Wochen zu massivem Antibiotikaeinsatz.

Antibiotikaresistente Keime auf jedem dritten Fleisch
Thomas Waitz ist für die Grünen im EU-Parlament und hat dort unter anderem im Tiertransport-Untersuchungsausschuss mitgearbeitet. VN/Mikulitsch

Multiresistente Keime im Fleisch

Das hat Folgen für die menschliche Gesundheit. Keime werden quer durch Europa transportiert und verbreitet. Bei Tieren dürfen Antibiotika zwar nur noch bei Krankheitsfällen flächendeckend eingesetzt werden. Waitz meint dazu: „Wenn 40.000 Schweine in einem Stall stehen, treten schnell Krankheitsfälle auf.“ Alle Antibiotika, die auf dem EU-Markt zugelassen wurden, sind auch für die Tiermast zugelassen. Durch den massiven Einsatz der Antibiotika entstehen multiresistente Keime. Laut Schätzungen gibt es dadurch bereits 30.000 bis 35.000 Tote pro Jahr in Europa.

Wie eine neue Studien von Greenpeace bestätigt, ist das Problem auch in Österreich präsent. Die Umweltschutzorganisation ließ 24 abgepackte Fleischwaren von unterschiedlichen Tieren in österreichischen Supermärkten testen. Die durchführende Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES) fand in neun davon antibiotikaresistente Erreger. Besonders brisant: Von 16 Produkten mit dem AMA-Gütesiegel waren sechs belastet. Greenpeace forderte erneut eine Haltungskennzeichnung direkt am Produkt.

Importierte Tiere und Kreuzkontaminationen

Die österreichische Produktion sei im Vergleich zu internationalen Maßstäben noch relativ klein und daher auch der Antibiotikaeinsatz niedriger, sagt Waitz, aber: „Dennoch kommt es immer wieder zu kontaminiertem Fleisch aus Österreich. Wir vermuten, dass es durch importierte Tiere zu Kreuzkontaminationen kommt.“

Eine Lösung wäre das Abrücken von Lebendtransporten, eine regionale Struktur von Schlachthöfen und die Ab-Hof-Schlachtung. „Das große Agrarsystem, in dem gewirtschaftet wird, zerstört die lokale Produktion. Sie versorgt uns mit angeblich billigen Lebensmitteln. Aber Umwelt-, Gesundheitsschäden und Tierleid werden dadurch nicht bemessen. Die Rechnung geht so nicht auf“, so Waitz. VN-JUS