Die Gefahr, die Pandemie zum dritten Mal für beendet zu erklären

Politik / 18.05.2022 • 16:30 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
HEALTH-CORONAVIRUS/WHO-REVIEW
HEALTH-CORONAVIRUS/WHO-REVIEW

An der US-Ostküste treibt eine Omikron-Variante die Infektionszahlen in die Höhe.

Wien/Bregenz Diese Aussage von Bundeskanzler Karl Nehammer (ÖVP) zur Eröffnung des ÖVP-Bundesparteitags in Graz sorgte für Irritation: “So viele in so einem engen Raum heißt auch: so viele Viren. Aber jetzt kümmert es uns nicht mehr.” Die Entwicklung der Pandemie ist derzeit tatsächlich wieder erfreulicher. 2909 Coronavirusfälle gab es innerhalb der vergangenen 24 Stunden. Armin Fidler, Covidberater der Landesregierung, warnt im VN-Gespräch aber davor, die Pandemie zum dritten Mal über den Sommer für beendet zu erklären: “Es wäre das dritte Mal, dass wir uns täuschen und uns damit ganz schön ins eigene Fleisch schneiden.”

Experten, die sich mit Prognosen beschäftigen, warnen davor, eine mögliche weitere Welle im Herbst im Blick zu behalten und Vorkehrungen zu treffen. Denn auch, wenn es wünschenswert ist, so Fidler, “das Virus wird nicht einfach so verschwinden”. Der Gesundheitsexperte befindet sich gerade in den USA und berichtet, dass das Land an der Ostküste wieder einen Anstieg an Infektionen und Hospitalisierungen erlebt. Schuld ist eine Omikron-Untervariante. Nach Berechnungen der Nachrichtenagentur Reuters stiegen die Infektionen am Dienstag um mindestens 77.209 auf insgesamt 82,77 Millionen. Die Zahl der Todesfälle erhöhte sich binnen eines Tages um mindestens 264 auf mehr als eine Million.

Impfung wichtigstes Instrument

Tagesordnungspunkt Nummer eins ist für Fidler auch über den Sommer die Impffrage. Denn ein Drittel der Bevölkerung ist noch immer nicht geimpft. In Vorarlberg haben etwa 63,6 Prozent der Bevölkerung ein gültiges Impfzertifikat. “Impfungen können zu einem sehr hohen Prozentsatz einen schweren Verlauf verhindern und senken die Mortalitätsrate”, erinnert Fidler.

Tropenmediziner Herwig Kollaritsch empfahl jüngst sogar schon gesunden Menschen ohne Vorerkrankungen den vierten Stich. Bei Reisen in bestimmte Hochrisikoländer, wie etwa Südafrika, sei das ratsam. Laut nationalem Impfgremium sollen sich über 80-Jährige sofort auffrischen lassen, über 65-Jährige nur dann, wenn sie einer Risikogruppe angehören. 

Impfkommunikation adaptieren

“Die Impfkommunikation scheint bislang nicht bei den Menschen anzukommen”, kritisiert Fidler. 20 Prozent der Menschen seien überhaupt noch nicht erreicht worden, so der Experte: “Die Frage ist: Gibt es überhaupt einen Mechanismus, um zu diesen Menschen durchzudringen?” Fidler empfiehlt zum Beispiel, wieder mehr auf Niederschwelligkeit und Spontaneität zu setzen, zum Beispiel mit Impfboxen in Einkaufszentren oder anderen öffentlichen Orten.

Die Maske ist für Fidler hingegen Abwägungssache, aber überall, wo viele Menschen im Innenbereich zusammenkommen, ratsam. Dazu zählen öffentliche Verkehrsmittel und natürlich der medizinische und pflegerische Bereich. Und auch wenn es nicht mehr Pflicht ist, ist eine Maske etwa in Flugzeugen weiter empfehlenswert. In Supermärkten verortet Fidler zum Beispiel weniger Risiko.

Daten besser verknüpfen

Zentral für eine gründliche Vorbereitung ist eine Überwachung der Infektionen. Dazu gehört die Möglichkeit, in jedem Bundesland flächendeckende Sequenzierungen zu machen, sagt Fidler. Auch die Abwasserüberwachung und Stichproben sind eine wichtige Basis. “Es ist nicht so, dass wir keine Daten haben, aber durch gewisse Datenschutzinterpretationen war es bislang nicht möglich, sie zu verknüpfen. Diese Daten sind dann zwar nicht wertlos, aber auch nicht geeignet, um gewisse politische Ableitungen für Maßnahmen zu treffen”, kritisiert Fidler. Er hinterfragt grundsätzlich den Umgang mit Datenschutz in diesem Bereich in Österreich, der für die Pandemiebekämpfung zum Teil kontraproduktiv ist: “Was bei uns gilt und gelten sollte, ist europäische Datenschutzverordnung. Diese gilt für alle EU-Länder gleich. Ich frage mich aber, warum die Interpretation in Österreich strenger ist als etwa in Dänemark.”