Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Mörderischer Machismo

Politik / 28.05.2022 • 07:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Der entsetzliche Amoklauf eines schwer bewaffneten 18-Jährigen, der am Dienstag in einer Volksschule der texanischen Kleinstadt Uvalde 19 Volksschüler und zwei Lehrer erschossen hatte, versetzte Amerika in einen Schockzustand. Nur zehn Tage zuvor wurden zehn Menschen in einem Supermarkt in Buffalo erschossen. Obwohl wir mit den Amerikanern Empörung und Entsetzen teilen, hat dieser Aufschrei einen hohlen Klang.

Denn Bluttaten wie diese sind leider nichts Neues in den USA, wo die Waffenlobby über viel Macht verfügt und unter Präsident Trump einen verheerenden Aufschwung verzeichnen konnte. In Texas richtete der Basketball-Trainer Steve Kerr vor dem Spiel gegen die Dallas Mavericks das Wort an die Presse. Kerr hatte seit Jahren für eine Verschärfung der Waffengesetze gekämpft. Sein Engagement hat persönliche Gründe: 1984 wurde sein Vater von einem Attentäter in Beirut erschossen. Mit bebender Stimme rief Kerr: „Genug! Ich habe es satt, hier zu sitzen, Schweigeminuten abzuhalten und Familien mein Beileid auszusprechen! Wann ändern wir etwas?“

In Texas sind Schusswaffen ohne Genehmigung legal.

Das ist genau die Frage. Mit der Armut in den amerikanischen Städten steigt die Anzahl der Waffen im Privatbesitz. Tötungsdelikte mit Schusswaffen haben dramatisch zugenommen. 100 Menschen pro Tag, rund 40.000 pro Jahr, kommen in Amerika durch Schusswaffen ums Leben. Gewalt ist ein Leitmotiv in den sozialen Konflikten der USA, Kriege und brutale Polizeieinsätze lassen vermehrt zur Waffe greifen. Ein lukrativer Markt für in- und ausländische Schusswaffenhersteller, wie etwa den Kärntner Pistolenproduzenten Glock. Viele Amerikaner sehen im Waffenbesitz ein Grundrecht; sie berufen sich auf den 2. Zusatzartikel („Amendment“) zur amerikanischen Verfassung aus dem Jahr 1791, der als Teil der „Bill of Rights“ der Bundesregierung verbietet, das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen einzuschränken. Waffenbesitz garantiere persönliche Sicherheit, lautet das Credo. Doch für viele ist die Schusswaffe ganz einfach eine Manifestation von Männlichkeit und Stärke: Machismo.

Inzwischen befürwortet allerdings eine knappe Mehrheit von Amerikanern die Verschärfung der Waffengesetze. Donald Trump fungierte als der selbsternannte Schutzherr der 1871 gegründeten National Rifle Association. Die Demokraten stehen auf der anderen Seite. Präsident Biden spricht von einem Schandfleck für die Nation, einer zu bekämpfenden Seuche. Insbesondere selbst zusammengebaute „Geisterwaffen“ ohne Seriennummer will er rechtlich in den Griff bekommen. Doch just in Texas ist seit Mitte letzten Jahres das Tragen von Schusswaffen ohne Genehmigung legal – die lockerste Waffengesetzgebung der USA.