Darum nehmen psychische Leiden zu: Reinhard Haller im Interview

Politik / 20.06.2022 • 18:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Der renommierte Vorarlberger Psychiater, Psychotherapeut und Autor spricht auch das Problem an, dass es noch immer Vorbehalte gibt, Hilfe zu suchen. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Der renommierte Vorarlberger Psychiater, Psychotherapeut und Autor spricht auch das Problem an, dass es noch immer Vorbehalte gibt, Hilfe zu suchen. VN/Paulitsch

Über den Stellenwert der psychischen Gesundheit und warum es ein besseres Therapieangebot auf Kasse braucht.

BREGENZ Depressionen, Angststörungen, Sucht. Psychische Krankheiten spielen eine immer größere Rolle in der Gesellschaft. Darauf verweist auch der renommierte Vorarlberger Psychiater und Psychotherapeut sowie langjährige Chefarzt des Krankenhauses Maria Ebene in Frastanz, Reinhard Haller. Seelische Leiden nehmen ihm zufolge zu. Das österreichische Gesundheitssystem sei nicht darauf ausgerichtet.

Ist tatsächlich eine Zunahme an psychischen Erkrankungen feststellbar oder wird heutzutage besser hingeschaut?

Beides. Natürlich muss man sich immer ansehen, um welche Krankheiten es genau geht. Bei den großen psychischen Krankheiten, sprich Schizophrenie, manisch-depressive Störung, Epilepsie und so weiter, hat es keine Änderung gegeben. Andere haben hingegen unzweifelhaft zugenommen, beispielsweise Demenz, da die Menschen immer älter werden. Ebenfalls eine Steigerung gibt es bei Depressionen, Angsterkrankungen und Süchten. Da wird aber auch besser darauf geachtet.

Entwickeln sich die Krankheiten durch äußere Umstände?

Es passiert durch äußere Umstände wie Stress oder verschiedene andere Belastungsfaktoren. Sie sind aber auch mehr ins Interesse gerückt und für die Menschen wichtiger. In der Vergangenheit, in Zeiten der Hungersnot oder als Epidemien praktisch alltäglich waren, alle zehn Jahre ein Krieg stattfand und die Leute um ihr Überleben kämpfen mussten, haben Depressionen keine Rolle gespielt. Das hat man einfach nicht so wahrgenommen. Heute, wo es den Menschen im Allgemeinen bei uns gut geht, lässt sich ein gewisser Trend, eine Verschiebung von körperlichen Krankheiten, die man besser in den Griff bekommen hat, hin zu den psychischen Leiden beobachten.

Kann man schon genau sagen, wie sich Krisen wie die Pandemie und der Ukraine-Krieg auf die psychische Gesundheit auswirken werden?

Die Wirkung gibt es, aber um alle Folgen abzusehen, ist es noch zu früh. Zum Teil zeigen sich aber überraschende Ergebnisse. Als es zum Beispiel zum ersten Lockdown im Jahr 2020 gekommen ist, habe ich eine Zunahme von Suiziden erwartet. Tatsache aber war, dass sie zurückgingen. Das hat wohl damit zu tun gehabt, dass die Menschen sich besser gegenseitig geholfen haben. Es gab die Nachbarschaftshilfe, gestiegene Anerkennung für Supermarktbedienstete und Pflegepersonal… Man ist enger zusammengerückt. Später hat sich das geändert. Dass Angstzustände und Verunsicherungsgefühle zugenommen haben, lässt sich sicher sagen. Ich habe mich viel mit Narzissmus beschäftigt – ebenfalls eine Hauptstörung der heutigen Zeit. Auch diesbezüglich gab es Auswirkungen, und zwar, dass die Menschen plötzlich erkannt haben, dass sie verletzlich und sterblich sind, die Bäume nicht in den Himmel wachsen und nicht alles selbstverständlich ist.

Gibt es die entsprechenden Kapazitäten, um Betroffene angemessen behandeln zu können?

Psychotherapeuten gibt es meines Erachtens genug. Bei den Psychiatern herrscht hingegen massiver Mangel. Das ist aber ein weltweites Problem. Manche sagen sogar, dass es sich zu einem aussterbenden Beruf entwickelt. Bei uns in Vorarlberg wird die Lage noch durch die Tatsache verschärft, dass viele Psychiater in die Schweiz gehen. Dass dort angeblich mehr Vorarlberger Psychiater arbeiten als im Land selbst – das muss man sich einmal vorstellen. Als Hauptproblem sehe ich aber den gewaltigen Druck im österreichischen Gesundheitssystem, die Menschen möglichst kurz zu behandeln. Das kann vielleicht in manchen Disziplinen funktionieren, aber bei der Psyche nicht. Bei einer Depression geht es einfach länger, bis diese sich wieder erholt. Das kann man nicht so steuern.

Psychotherapeuten gibt es genug, sagen Sie. Wie sieht es mit jenen mit Kassenvertrag aus? Gilt das auch für diese?

Nein, und das ist zweifelsohne ein Problem. Es ist eine alte Forderung, dass man der Entwicklung hin zu mehr psychischen Störungen mehr Rechnung tragen und daher auch die Psychotherapeuten ordentlich auf Kassenkosten entlohnen müsste.

Ist es für den Staat auch aus volkswirtschaftlicher Sicht sinnvoll, mehr Geld in die Hand zu nehmen, um Folgekosten in Grenzen zu halten?

Davon bin ich überzeugt. Dass Psychotherapie wirkt, ist bewiesen. Dass ein hohes Bedürfnis danach besteht, ist auch vielfach bewiesen, ebenso, dass sie sich viele Leute schlichtweg nicht leisten können. Es bräuchte einfach mehr Kassenstellen und eine bessere Bezahlung.

Welche anderweitigen Präventionsmaßnahmen wären wichtig?

In der Bevölkerung besteht noch immer das Problem, dass viele keine Hilfe suchen wollen, sozusagen: „Ich will doch nicht zum Seelenklempner.“ In England und den USA herrscht eine ganz andere Haltung, da ist es selbstverständlich. Man müsste das ja auch nicht immer mit dem Ausdruck Therapie verbinden, vielmehr mit einem Psychocoaching oder einer –beratung, so wie es das in ähnlicher Form etwa auch in der Wirtschaft gibt. Damit könnte man die Ängste nehmen. In der Partnerschaftstherapie zum Beispiel, bei der es auch einen enormen Bedarf gibt, kommen an die 90 Prozent erst, wenn es schon zu spät ist.

Wie würden Sie die Entwicklung in den nächsten Jahren abschätzen?

Die Weltgesundheitsorganisation geht fest davon aus, dass psychische Krankheiten zunehmen, also Depressionen, Ängste, Süchte vor allem, auch psychosomatische Leiden. Insofern haben wir es, um das zynisch auszudrucken, mit einem Zukunftsmarkt ersten Ranges zu tun.