Auf der Suche nach Therapieplatz: “Die Wartezeiten sind viel zu lange”

Politik / 21.06.2022 • 18:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Zahl der psychischen Erkrankungen hat deutlich zugenommen. <span class="copyright">APA</span>
Die Zahl der psychischen Erkrankungen hat deutlich zugenommen. APA

Der Chefarzt der Psychiatrie in Rankweil fordert eine schnellere Versorgung. Die Zahl psychischer Erkrankungen stieg rasant.

Schwarzach Die Gemütslage ist seit längerer Zeit gedämpft. Sie ändert sich nicht. Müdigkeit ist alltäglich, die Gedanken kreisen, gerade beim Einschlafen. Auch bei der Arbeit ist alles schwieriger zu bewältigen. Die Konzentration ist nicht mehr das, was sie einmal war. Und im Familienkreis häuft sich die Frage, ob eh alles in Ordnung ist. Das sind Warnsignale für eine Depression, eine Angststörung, berichtet Jan Di Pauli, Chefarzt und Primar der Erwachsenenpsychiatrie in Rankweil. Sie stehen beispielhaft dafür, dass Betroffene Hilfe suchen sollten.

Mehr Erkrankungen schon vor der Pandemie

Mit ihrer Erkrankung sind sie gewiss nicht allein. Die Pandemie hat nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation zu einem starken Anstieg psychischer Erkrankungen geführt. Die Fälle von Depressionen und Angststörungen seien weltweit um 25 Prozent gestiegen. Schon zuvor nahmen Leiden dieser Art zu, erklärt Di Pauli. So habe sich die Zahl der Krankenstandstage aufgrund psychischer Erkrankungen seit den Jahren 2006, 2007 etwa um 90 Prozent vermehrt. Zum einen werde sicher genauer hingeschaut. „Was früher unter Rückenschmerzen oder Magengeschwür lief, wird heute tatsächlich als Depression oder Angststörung diagnostiziert.“ Zum anderen gebe es auch gesellschaftliche Faktoren, welche diese Krankheiten begünstigen. „Traditionelle Strukturen wie die Großfamilie, die Dorfgemeinschaft, das Vereinsleben haben sich aufgelöst. Es kommt zunehmend zur Einsamkeit. Ein anderer Punkt ist auch das Alter. Damit nimmt das Risiko, an einer Depression zu erkranken, zu.“ Grund seien etwa die Bürden, die mit dem Alter kommen, von Erkrankungen bis zu zunehmenden Verlusterlebnissen. Eine maßgebliche Rolle spielt auch die wachsende Geschwindigkeit von Veränderungen. „Denn im Prinzip neigen wir dazu, veränderungsresistent zu sein“, hält Di Pauli fest.  „Die Geschwindigkeit ist ein Stressfaktur und bringt zusätzlich Ungewissheit.“

Auf der Suche nach Therapieplatz: "Die Wartezeiten sind viel zu lange"
Di Pauli hält die Versorgung für gut, kritisiert aber, dass die Wartezeiten bei der Suche nach einem Therapieplatz zu lange sind. VN/RAUCH

Stigma besteht

Was psychische Erkrankungen anbelangt, bleibt der Aufklärungsbedarf groß. Die Stigmatisierung bei Depression und Angststörung habe sich zwar deutlich verbessert, gleichzeitig seien die Vorurteile mit Blick auf Sucht und Schizophrenie wieder gewachsen. „Das zeigt, dass wir uns auf dünnem Eis bewegen“, hält Di Pauli fest. „Gegen die Stigmatisierung zu arbeiten, ist ein kontinuierlicher Prozess, der leider wieder rückkehrbar ist. In den USA sagen Waffenbefürworter nach einem Amoklauf etwa, dass nicht die Waffe das Problem war, sondern die psychische Erkrankung.“

Zu lange Wartezeiten

Was die Versorgung anbelangt, hält der Chefarzt das Angebot im internationalen Vergleich für sehr gut. Das Angebot habe sich über die Jahre deutlich verbessert. „Das große Problem sind aber immer noch die Wartezeiten, bis man überhaupt einen Therapeuten gefunden hat. Der Zugang müsste schnell sein, schnell ist er aber nicht.“

Wer keinen Kassenarzt findet, muss selbst in die Tasche greifen. Die aktuellen Zuschüsse pro Psychotherapie-Einzelsitzung außerhalb der versicherten Sachleistung betragen bei der ÖGK 28,93 Euro sowie bei der BVAEB und SVS 40 Euro. „Bei Inanspruchnahme eines Wahlarztes für Psychiatrie gebühren 80 Prozent der Kassenhonorierung“, teilt der Dachverband der Sozialversicherungsträger auf VN-Anfrage mit.

Reinhard Haller ortet einen massiven Mangel im Bereich der Psychiatrie. <span class="copyright">VN</span>
Reinhard Haller ortet einen massiven Mangel im Bereich der Psychiatrie. VN

Die ÖGK zählt österreichweit 176,2 Planstellen für die Psychiatrie, 14 davon sind aktuell unbesetzt. In Vorarlberg ist keine der elf Planstellen offen. Der renommierte Psychiater Reinhard Haller ortet aber einen massiven Mangel in dem Bereich, wie die VN berichteten: „Das ist ein weltweites Problem. Manche sagen sogar, dass es sich zu einem aussterbenden Beruf entwickelt.“ Psychotherapeuten gebe es seines Erachtens genug.

Mehrbedarf um 20 Prozent

2017 befanden sich 74.957 Patientinnen und Patienten auf einem Kassenplatz in therapeutischer Behandlung, 2020 waren es 81.619, wie der Dachverband der Sozialversicherungsträger berichtet. „Bedingt durch die Corona-Pandemie wird nun aber ein Mehrbedarf von rund 20 Prozent für professionelle psychotherapeutische Versorgung geschätzt.“ Die ÖGK habe deshalb 2021 beschlossen, ihr Angebot für Psychotherapie als Kassenleistung bis Ende 2022 um ein Drittel zu erweitern. „Das bedeutet eine psychotherapeutische Versorgung für etwa 20.000 Versicherte.“

Die gute Nachricht ist, dass es den Betroffenen mittlerweile leichter fällt als früher, Hilfe zu suchen, sagt Di Pauli. Umso wichtiger sei ein unkomplizierter Zugang zu ausreichendem Angebot – und das ohne langen Wartezeiten.

Psychotherapie/Psychiatrie in Zahlen

Kassenplätze 2017 befanden sich 74.957 Patienten in Psychotherapie, 2018 waren es 78.238, 2019 79.024 und 2020 waren es 81.619

Mehr Bedarf Die ÖGK will bis Ende 2020 für rund 20.000 Versicherte zusätzliche Plätze schaffen.

Fachärzte im Bereich Psychiatrie/Neurologie Österreichweit gibt es 176,2 Planstellen, davon sind 162,2 besetzt. In Burgenland sind 3 von 4 besetzt, in Kärnten 9 von 10, in Niederösterreich alle 28,5, in Oberösterreich alle 23,2, in Salzburg 15 von 15,5, in der Steiermark 27 von 28, in Tirol 15 von 17, in Vorarlberg alle 11 und in Wien 30,5 von 39

Verträge mit Kassenärzten/Psychotherapie Verträge gibt es mit 23 Institutionen/Vereinen in Wien + Gesundheitszentren der ÖGK, in Niederösterreich mit 12 Vereinen (über 430 Therapeuten), in der Steiermark mit Versorgungsvereinen mit rund 360 freiberuflichen Therapeuten, in Burgenland mit dem Institut für Psychotherapie (rund 70 Therapeuten) und dem psychosozialen Dienst, in Kärnten mit zehn Vertragsinstituten, in Salzburg mit 350 Therapeuten und in Vorarlberg mit rund 75 Psychotherapeuten. Keine Zahlen gibt es von Oberösterreich und Tirol

Kostenersatz Die Zuschüsse pro Therapiesitzung unterscheiden sich nach Kassa, bei der ÖGK sind es 28,93 Euro, bei der BVAEB und der SVS 40 Euro.

Quelle: Dachverband der Sozialversicherungsträger