Charles Ritterband

Kommentar

Charles Ritterband

Kann Putin überleben?

Politik / 29.06.2022 • 14:30 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Vor wenig mehr als 100 Tagen hat Putin die Invasion der Ukraine angeordnet und Europa erstmals seit Ende des Zweiten Weltkriegs in einen brandgefährlichen Krieg gestürzt, dessen Ende nicht abzusehen ist. Keine der beiden gegnerischen Parteien ist stark genug, um die andere zu besiegen – und keine der beiden genügend schwach, um vor dem Gegner zu kapitulieren. Eine Pattsituation. Kommentatoren des staatlichen russischen Fernsehens ergehen sich in immer abenteuerlicheren Fantasien: Die glorreiche Armee Russlands werde nicht eher ruhen, als bis sie das englische Stonehenge erreicht habe, der Dritte Weltkrieg habe bereits begonnen, die Nato müsse auf ihre sämtlichen Waffen verzichten usw. Prahlereien wie diese sind vermutlich auf dem Mist der scharfmacherischen Einflüsterer Putins in den Korridoren des Kremls gewachsen – von Nervosität getragener Zweckoptimismus angesichts der wenig ermutigenden Nachrichten von der ukrainisch-russischen Front. Tatsache ist: Wladimir Putin hat sich Hals über Kopf in einen Krieg gestürzt, den er weder aufgeben noch gewinnen kann.

Der Westen befindet sich angesichts dieses unerwarteten Krieges im Schockzustand. Die wirtschaftlichen Folgen beginnen sich bemerkbar zu machen, doch westliche Militärstrategen haben allen Grund zur klammheimlichen Freude: Die russischen Streitkräfte als Papiertiger erwiesen – mit stumpfen Zähnen und Klauen. Diese erfreuliche Tatsache hat ein neues Wunschdenken hervorgebracht: Dass die verheerenden Rückschläge der Armee mit Zehntausenden von Toten und die Folgen der westlichen Sanktionen dem Putin-Regime dasselbe Schicksal bescheren, wie es die Sowjetunion erlitten hatte – den Zusammenbruch.

Putin hat gute Chancen, das Ukraine-Debakel zu überleben.

Doch das Sowjetregime ist nicht am Afghanistan-Desaster oder am militärischen Druck der Nato gescheitert, sondern an den wirtschaftlichen und politischen Fehlleistungen von Gorbatschow. Selbst ein militärisch, innenpolitisch und wirtschaftlich geschwächtes Russland unter Putin hat deutlich bessere Überlebenschancen als die marode Sowjetunion in ihren letzten Zügen. Der Ex-KGB-Agent Putin hat bekanntlich den Zusammenbruch der Sowjetunion als „die größte geopolitische Katastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Er hat systematisch aus jenen Fehlern gelernt. Im Gegensatz zu Gorbatschow toleriert er keine oppositionellen Kräfte, keine Liberalisierung. In Putins scharf kontrolliertem Polizeistaat wird jede gegnerische Regung – ja selbst der Versuch, den Krieg gegen die Ukraine beim Namen zu nennen – sofort und brutal unterdrückt. Gegner Putins fliehen eher aus Russland, als dort Widerstand und Opposition zu wagen. Die große Masse wünscht sich einen starken Führer und nicht wenige trauern immer noch Stalin nach: Putin hat gute Chancen, das Ukraine-Debakel zu überleben. Falls seine Gesundheit mitspielt.