Mehr häusliche Gewalt: Täglich mehr als ein Betretungsverbot in Vorarlberg

Politik / 16.07.2022 • 05:00 Uhr / 6 Minuten Lesezeit
Derzeit leben 14 Frauen mit 18 Kindern in einer Frauennotwohnung des ifs. <span class="copyright">DPA </span>
Derzeit leben 14 Frauen mit 18 Kindern in einer Frauennotwohnung des ifs. DPA

Die Zahlen steigen weiter. Die Frauennotwohnung ist fast voll. Viele Gefährder bleiben mittlerweile freiwillig in der Gewaltberatung.

Schwarzach Mehr als einmal täglich belegt die Polizei einen Gewalttäter mit einem Betretungsverbot. Genau genommen in Vorarlberg 230 Mal zwischen 1. Jänner und 30. Juni. Solche Wegweisungen geschehen nicht leichtfertig. Entscheidet sich die Polizei dazu, droht die Situation in den eigenen vier Wänden zu eskalieren oder sie ist längst eskaliert.

Betretungsverbote sind ein Gradmesser, zeigen aber längst nicht das tatsächliche Ausmaß häuslicher Gewalt. Sie geschieht hinter vielen Haustüren. „Das Dunkelfeld ist aber nach wie vor groß“, sagt die Leiterin der ifs-Gewaltschutzstelle, Ulrike Furtenbach. Im Vergleich zum ersten Halbjahr 2021 sind die Zahlen auch erneut gestiegen, um 16 Prozent von damals 198 auf nunmehr 230 Betretungsverbote.

Mehr Betroffene melden sich

Ob hinter diesen Zahlen tatsächlich mehr Gewalt stecke, lasse sich schwer sagen, hält Furtenbach fest. „Mit dem neuen Gewaltschutzgesetz ist es auch gelungen, dass sich Betroffene schneller melden und das Umfeld auch sensibler ist.“ Gleichzeitig beförderten die vergangenen und anhaltenden Krisenjahre die Belastungen für die Gefährder und Gefährdeten. „Sie tragen natürlich dazu bei, dass schneller zu Gewalt gegriffen wird.“

Gefährder vorwiegend männlich

In der Regel sind die Gefährder männlich. Im ersten Halbjahr zählt die Gewaltschutzstelle bei den Betretungsverboten 215 Täter und 15 Täterinnen. „Der große Teil der häuslichen Gewalt passiert in Partnerschaften beziehungsweise sind es bei einem ganz großen Teil Ex-Partnerschaften“, erläutert Furtenbach. In etwa der Hälfte der betroffenen Haushalte leben auch minderjährige Kinder. Das geht aus der Statistik des Vorjahres hervor. „Bei einem Betretungsverbot wird dann die Kinder- und Jugendhilfe verständigt.“

Verpflichtende Täterberatung

Neu ist, dass die Täter zur Beratung verpflichtet werden. Seit vergangenem Jahr müssen sie sechs Stunden absolvieren. Von bislang 192 beim ifs gemeldeten Gefährdern im ersten Halbjahr schlossen 74 die Gewaltberatung positiv ab, 71 sind noch in laufender Beratung. Bei 40 wurde noch keine aktive Teilnahme gemeldet, zwei wurden an ein anderes Bundesland abgetreten und fünf Betretungsverbote von den Behörden aufgehoben. Furtenbach beurteilt das Programm als maßgeblich, „weil die Gefährder eine Anlaufstelle brauchen, wo sie sich mit Gewalt auseinandersetzen können“. Die sechs Stunden Beratung seien ein erster, wichtiger Schritt. „Für die Einsicht und Verhaltensänderungen reicht das aber in den allerwenigsten Fällen.“ Mittlerweile entscheiden sich auch zahlreiche Täter, weitere Leistungen bei der Gewaltberatung in Anspruch zu nehmen. Im ersten Halbjahr zählt das ifs 54 Gefährder, die über die sechs Stunden hinaus freiwillig beim ifs geblieben sind. „Das ist ein positives Zeichen.“

Die Täterberatung war ein großer Schritt, ist Ulrike Furtenbach überzeugt. <span class="copyright">VN</span>
Die Täterberatung war ein großer Schritt, ist Ulrike Furtenbach überzeugt. VN

Zulauf bei der Gewaltschutzstelle

Auch für die Opfer gibt es ein Angebot, ebenso für jene, die eine Gewalteskalation fürchten. So hat die ifs Gewaltschutzstelle im ersten Halbjahr 531 Personen beraten. An die ifs-Beratungsstelle für sexuelle Gewalt traten 47 Frauen heran. Ein großes Thema sei, dass Frauen zwar ein Ende der Gewalt wollten, aber kein Ende der Beziehung, erklärt Furtenbach. „Wir sprechen dann über die ganze Bandbreite, was Schutz- und Sicherheitsmaßnahmen sein könnten. Das ist immer ganz individuell.“ Angehörigen rät die Leiterin der Gewaltschutzstelle zu Geduld. Es brauche häufig einen längeren Atem, bis es Frauen – wenn überhaupt – gelinge, aus einer Gewaltbeziehung auszubrechen. „Wichtig ist ein unterstützendes Umfeld und eben nicht, dass Frauen mit Vorwürfen konfrontiert werden.“ Studien zeigen zwar, dass Gewalt in allen Familien vorkommen kann und nicht nur in spezifischen Gesellschaftsschichten. „An die Gewaltschutzsstelle wenden sich aber eher Frauen, die nicht so viele Ressourcen und Möglichkeiten haben, weil sie auf die Beratung von uns mehr angewiesen sind als Frauen mit ausreichend finanziellen Möglichkeiten.“ Das sei überhaupt ein gutes Stichwort: „Finanzielle Unabhängigkeit leistet einen wichtigen Beitrag dazu, sich aus einer Gewaltbeziehung zu lösen. Neben emotionaler Abhängigkeit und Ängsten vor weiterer Gewalt wird es um vieles einfacher, wenn nicht auch weitere Einschränkungen zu befürchten sind.“

Frauennotwohnung fast voll

Frauen, die gar keinen Ausweg mehr finden, können sich an die ifs-Frauennotwohnung wenden. Die Unterkunft befindet sich an einem unbekannten Ort, sodass die Gefährder die Betroffenen nicht aufsuchen können. Bereits seit vergangenem Jahr fällt auf, dass sich die Aufenthaltsdauer der Klientinnen massiv erhöhte. Unter anderem veränderten sich die Problemstellungen, die Gefährder wurden hartnäckiger oder die Scheidungs- und Strafverfahren komplexer. Im ersten Halbjahr fanden 28 Frauen mit 35 Kindern Schutz in der ifs-Frauennotwohnung. Aktuell leben dort 14 Frauen mit 18 Kindern. 15 Zimmer sind dadurch belegt, nur noch eines ist derzeit frei.

Das soll Frauen, die Hilfe suchen, nicht abschrecken sich zu melden.

Hilfsangebote

Wer Hilfe und/oder Beratung sucht, findet diese bei der ifs Gewaltschutzstelle (05/1755-535), Frauennotwohnung (05/1755-577) oder Gewaltberatung (05/1755-515).

Projekt gegen Partnergewalt

Auch das Umfeld muss hinschauen. Das Projekt „Stadtteile ohne Partnergewalt“, das erst kürzlich von Bregenz auf Hohenems erweitert wurde, könnte dabei helfen. „Das setzt an dem Punkt an, der für die Prävention wichtig ist“, sagt Furtenbach. Jedem sei es möglich, einen Beitrag zu leisten, dass Gewalt früher gesehen wird. Dazu brauche es Menschen in der Nähe, Nachbarn, Vereinsmitglieder, …  „Wichtig ist, dass sie das Handwerkszeug bekommen, richtig reagieren und helfen zu können.“