Ringen um das System der Kassenärzte

Politik / 18.07.2022 • 10:00 Uhr / 3 Minuten Lesezeit
Die Zahl der Wahlärzte wächst beständig, während jene der Kassenärzte sinkt. <span class="copyright">APA</span>
Die Zahl der Wahlärzte wächst beständig, während jene der Kassenärzte sinkt. APA

Warum ÖGK und Ärztekammer zusehen, wie das Kassenärztesystem kippt.

Graz Ende 2020 zählte man in Österreich 8132 Mediziner mit Kassenvertrag. Im Zehnjahresvergleich verringerte sich die Anzahl der Kassenärzte um 369 Vertragsärzte. Und das bei einer älter werdenden und wachsenden Bevölkerung, deren Bedarf nach medizinischer Versorgung steigt. Die Zahl der Wahlärzte hingegen wächst in Österreich beständig. 2010 waren es noch 7403, Ende 2020 bereits 10578 – um 289 mehr als 2019. Parallel zu dieser Entwicklung fällt eine immer stärkere Auslastung der Spitalsambulanzen auf.

Diese drei Phänomene sind miteinander verbunden. Der jahrelange Stillstand und der Dauerzwist zwischen Krankenkassen und Landes-Ärztekammern hat genau zu diesen Entwicklungen geführt.

Für die Ärztekammern ist und war die Option Wahlärzte ein Zuckerl für das eigene Klientel, weil Kassenverträge auf hohe Frequenzen aufgebaut sind.

Für die Kassen kommt es letztlich günstiger, wenn Patienten zum Wahlarzt gehen. Viele Patienten reichen die Kostenerstattungen nicht ein, und die 80 Prozent Rückerstattung gibt es nur vom Kassentarif, nicht von der Summe, die der Wahlarzt verlangt.

Für die Kassen kommt es auch günstiger, wenn Patienten in Spitalsambulanzen gehen, obwohl sie eigentlich aufgrund ihrer Fälle beim niedergelassenen Arzt behandelt werden müssten (30 bis 40 Prozent der Patienten in den Notfallambulanzen, so Experten). Die  finanzielle Belastung für die Sozialversicherung (Kasse) für ambulant erbrachte Leistungen in Spitälern ist durch Zuzahlung von Land und Bund im Rahmen der regulären Krankenhausfinanzierung (ca. 57 Prozent Sozialversicherung, ca. 15 Prozent Bund, ca. 28 Prozent vom Land) im Vergleich zu einer Leistungserbringung im niedergelassenen Bereich dramatisch reduziert.

Damit sind ausgerechnet die jahrelang erbitterten Feinde Auslöser für eine Entwicklung, die unser Versorgungssystem im niedergelassenen Bereich in eine Schieflage gebracht haben. Wie prekär die Lage ist, zeigen politische Ankündigungen, die bis zu einem Verbot von oder Verpflichtungen für Wahlärzte reichen. Für Vertragsärzte zahlte die ÖGK im Jahr 2020 2,26 Milliarden Euro aus, während für Wahlarztleistungen ein niedriger dreistelliger Millionenbetrag für Rückerstattungen an die Patienten anfielen. Insgesamt gab es 3,8 Millionen Kostenerstattungsanträge.

In einer gemeinsamen Recherche haben die Salzburger Nachrichten, die Kleine Zeitung und die Vorarlberger Nachrichten die Auswirkungen von Ärztemangel und Zweiklassenmedizin beleuchtet. Die Ergebnisse finden Sie laufend unter www.vn.at, Dieser Text stammt von Dieter Hubmann (Kleine Zeitung).