Primärversorgung: Mediziner zögern bei Zusammenarbeit

Politik / 24.07.2022 • 12:00 Uhr / 7 Minuten Lesezeit
Die Gesundheitskasse wird sich künftig auch gezielt an jüngere Mediziner wenden. <span class="copyright">APA</span>
Die Gesundheitskasse wird sich künftig auch gezielt an jüngere Mediziner wenden. APA

Statt fünf  Zentren, in denen Hausärzte mit anderen Berufsgruppen arbeiten, gibt  es in Salzburg erst zwei. Nun will man Jungmediziner dafür gewinnen.

Salzburg Die Erwartungen waren groß und dementsprechend ernüchtert fällt jetzt die Bilanz aus. Bis Ende 2021 sollten in ganz Österreich 75 Primärversorgungszentren oder -netzwerke entstanden sein. In Salzburg hätten es fünf sein sollen. Dazu hatten sich Politik  und Sozialversicherungen mit einem 2017 verabschiedeten Gesetz verpflichtet. Derzeit gibt es in Österreich aber erst 36 solcher Zentren, nur zwei davon in Salzburg.

In den Primärversorgungszentren arbeiten Allgemeinmediziner mit anderen Berufsgruppen wie Sozialarbeitern, Physiotherapeuten, Pflegekräften oder Psychotherapeuten zusammen. Die Patienten sollten längere Öffnungszeiten und eine umfassende Betreuung bekommen. 

“Zu euphorisch”

„Wir waren zu euphorisch, was das Ziel betrifft“, sagt Andreas Huss, Arbeitnehmer-Obmann der österreichischen Gesundheitskasse (ÖGK). An den Räumlichkeiten sei es bisher nicht gescheitert, sondern vor allem am Willen der Ärzteschaft, sagt Huss. „Wir hatten etwa  eine Informationsveranstaltung im Klinikum Schwarzach, weil das Krankenhaus dort außerhalb der Ambulanz ein Primärversorgungszentrum einrichten wollte. Da gab es wütende Proteste der Ärzte aus dem Umfeld: Sie hatten Befürchtungen, dass man ihnen Konkurrenz mache.“ Und selbst in dem Zentrum arbeiten wollten sie nicht.

An den Räumlichkeiten sei es bisher nicht gescheitert, sondern vor allem am Willen der Ärzteschaft, sagt Huss. <span class="copyright">APA</span>
An den Räumlichkeiten sei es bisher nicht gescheitert, sondern vor allem am Willen der Ärzteschaft, sagt Huss. APA

Derzeit gibt es ein Primärversorgungszentrum in Saalfelden und ein Primärversorgungsnetzwerk mit zwei Praxen in Fuschl bzw. Strobl. Beide sind aus bereits bestehenden Gruppenpraxen entstanden. Bei zwei weiteren Projekten laufen Gespräche.

Die Zusammenarbeit sei sehr gut, sagt Peter Kowatsch vom Netzwerk in Fuschl und St. Gilgen. Die Patienten kämen etwa unkompliziert an Psychotherapie. „Ich habe aber das Gefühl, dass das in Salzburg nur halbherzig betrieben wird. Wir warten seit einem Jahr auf Fördergelder für unsere Investitionen.“ Vor allem vom Land wünscht er sich mehr Engagement.

Eine Gruppe von Flachgauer Ärztinnen und Ärzten hatte mit dem Start des Primärversorgungsgesetzes ebenfalls eine Zusammenarbeit angedacht.  Mittlerweile haben sich die 14 Hausärzte und 19 Fachärzte in einem Verein zum Gesundheitsnetzwerk Wallersee zusammengeschlossen.

Es gebe mehrere Gründe, warum aus diesem Zusammenschluss nie ein Primärversorgungszentrum geworden sei, sagt Florian Connert, Vereinsobmann und praktischer Arzt in Köstendorf. Zum einen wollten die Mediziner alle wirtschaftlich und organisatorisch unabhängig bleiben. „Der Wechsel zur Primärversorgung ist ein großer Schritt, man gibt dafür seinen Kassenvertrag auf.“

Ein weiteres Hindernis war für die Flachgauer Mediziner, dass in Primärversorgungszentren keine Fachärzte arbeiten können, wie Connert sagt. „Wir hatten immer schon einen Ärztestammtisch, wo auch Fachärzte dabei waren.“ Aus diesem Stammtisch entstand nun der Verein, der ebenfalls durch Zusammenarbeit Vorteile für die Patienten bieten würde. „Wir sprechen uns bei den Öffnungszeiten ab, bei uns wird man immer eine Praxis finden, die bis 19 Uhr geöffnet hat.“ Auch Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen gibt es.

Anschubfinanzierung möglich

Da der Verein nicht als Primärversorgungsnetzwerk  organisiert ist, verzichten die Mediziner auf so manchen finanziellen Anreiz. So gibt es insgesamt 100 Millionen Euro als Anschubfinanzierung aus Mitteln der Europäischen Union für Primärversorgungseinheiten.

Tatsächlich sollten Mediziner auch finanziell profitieren, wenn sie sich für ein Primärversorgungszentrum entscheiden würden, sagt Christoph Fürthauer, Vizepräsident der Salzburger Ärztekammer. „Aber in der Praxis ist das nicht der Fall.“ Bei dem Vertrag, den die Salzburger Ärztekammer mit den Krankenkassen zur Primärversorgung abgeschlossen habe, müsse man in mehreren Punkten nachfeilen. „Man kann in der Primärversorgung einiges an andere Professionisten delegieren und  hat im Krankheitsfall oder im Urlaub gleich eine Vertretung. Andererseits arbeitet in diesen Einheiten auch mehr Personal. Das spiegelt der Salzburger Vertrag nicht wirklich wider.“ Die vorgegebenen Öffnungszeiten von 50 Stunden seien auch ein Problem, wenn ein Kollege ausfalle.

Der Vertrag sei insgesamt sehr komplex, das schrecke Kollegen ab, sagt Fürthauer. „Viele Mediziner leben mit ihrem Einzelvertrag gut – und so ein Primärversorgungszentrum auf die Füße zu stellen, ist ein enormer Aufwand.“

Die Gesundheitskasse werde sich deshalb künftig auch gezielt an jüngere Mediziner wenden, die für Primärversorgungszentren gewonnen werden sollen, sagt Andreas Huss. „Ich will auch im nächsten Verwaltungsrat einen Antrag einbringen, dass in jeder ÖGK-Landesstelle eine Servicestelle eingerichtet wird. Dort wollen wir aktiv auf die Mediziner zugehen.“ Denn Huss ist davon überzeugt, dass solchen Zentren die Zukunft gehört. „Der Patient bekommt schnell die Behandlungsform, die er braucht. Und  der Arzt kann sich mehr um Medizin kümmern. Noch keiner, der in so ein Zentrum gegangen ist, hat es bereut.“

Erste Anlaufstelle für die Gesundheit

75 Zentren oder Netzwerke sollten laut dem Primärversorgungsgesetz von 2017 bis Ende 2020 in Österreich entstehen. Wegen der Pandemie gab man sich noch ein Jahr länger Zeit. Ziel dieser Primärversorgungseinheiten ist es, eine erste Anlaufstelle für alle gesundheitlichen Anliegen zu bieten. Dazu sollen Hausärzte mit verschiedenen anderen Berufsgruppen zusammenarbeiten.

 

Der Ausbau solcher Zentren oder Netzwerke ist ein europaweites Ziel. Deshalb gibt die EU in ihrem Corona-Aufbauplan auch Mittel dafür her. In Österreich stehen seit Anfang des Jahres 100 Millionen Euro von der EU zur Verfügung, um Primärversorgung weiter auszubauen und zu verbessern. Vom ursprünglichen Ziel ist man in Österreich noch weit weg: Es gibt erst 36 Primärversorgungseinheiten.

In einer gemeinsamen Recherche haben die Salzburger Nachrichten, die Kleine Zeitung und die Vorarlberger Nachrichten die Auswirkungen von Ärztemangel und Zweiklassenmedizin beleuchtet. Die Ergebnisse finden Sie laufend unter www.vn.at, Dieser Text stammt von Anton Prlić (Salzburger Nachrichten).