Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Unser Kind – für einen Tag

Politik / 06.09.2022 • 06:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

Am 2. September war es wieder so weit: Man erinnerte sich zurück an den kleinen Aylan Kurdi. 2015 ertrank der 3-Jährige vor der türkischen Küste im Mittelmeer, das Schlepperboot war auf der Flucht aus Syrien gekentert. Seine Mutter und Schwester starben wie Aylan, nur sein Vater überlebte. Die Welt blickte damals mit Entsetzen auf das Foto des toten Kindes, das wie schlafend am Strand lag, das rote T-Shirt war ein wenig hochgerutscht.

Fast alle Medien veröffentlichten das traurige Bild des syrischen Kindes, eine Zeit lang stand es symbolisch für das Grauen der Flucht und die vielen Opfer der Fluchtbewegung. Ein Bild, das wohl auch deswegen eine große Wirkung entfaltete, weil die Menschen in den westlichen Wohlstandgesellschaften im kleinen, scheinbar schlafenden Aylan ihre eigenen kleinen, schlafenden Kinder sahen: unser Kind – für einen Tag. Die ethische Debatte über den zur Schau gestellten toten Körper wurde in diesem Fall leider kaum geführt, weil es eben ein „ikonisches“ Bild sei, wie viele bis heute sagen. Der Vater Aylans, Abdullah Kurdi, sagte damals: „Es war richtig, dass die Medien das Foto gezeigt haben. Die Menschen dürfen nicht wegsehen, was Schreckliches passiert auf dem Weg nach Europa, nur weil man uns vorher kein Visum geben will.“ Ob er heute, nach dem existenziellen Schock, noch immer so denkt?

Ikonische Bilder

Aus Medienperspektive heißt es also: Wenn man tote Menschen, die sich nicht mehr wehren können, den Blicken aller preisgibt, kann man es ikonisch nennen und muss keine ethischen Richtlinien des Persönlichkeitsschutzes beachten. Praktisch, denn solche Bilder schaffen Aufmerksamkeit und Emotion. Aber tatsächlich hat das Bild des toten Aylan in der Welt wenig verändert. Betrachtet man heute etwa die Flucht über das Mittelmeer, ist diese Route für die Menschen auf den Booten noch gefährlicher geworden, auch staatliche Stellen überlassen sie in Seenot immer wieder sich selbst: Die Leute sollen lieber nicht nach Europa kommen. Laut UN-Flüchtlingshochkommissariat starben 2021 schon 3200 Menschen im Mittelmeer, 2020 waren es 1800 und 2019 1500 Todesopfer – das sind nur die dokumentierten Fälle.

Zwei Jahre nach Aylans Tod veröffentlichten US-Wissenschafter gemeinsam mit schwedischen Wissenschafterinnen eine Studie, die den Effekt des Fotos von Aylan Kurdi als enorm bewertete, zumindest kurzfristig. Die Daten zeigten darüber hinaus allerdings, dass diese Form der Empathie schnell wieder vergeht, genauso wie die hohe Bereitschaft, für Menschen auf der Flucht zu spenden. Der Schrecken scheint flüchtig. Und selbst die große Macht der Bilder wird offensichtlich von der Realpolitik eingeholt.

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