“Kein Anzeichen von Resignation”

Politik / 14.09.2022 • 10:30 Uhr / 4 Minuten Lesezeit
"Kein Anzeichen von Resignation"

Der Vorarlberger Banker Gerhard Bösch berichtet von der Stimmung in Kiew.

Kiew „Es ist allen bewusst, dass es noch lange nicht vorbei ist. Aber ich sehe absolut kein Anzeichen von Resignation oder einen Wunsch nach Kapitulation. Ganz im Gegenteil“, sagt Gerhard Bösch im Telefonat mit den VN. Der Vorarlberger ist CEO der ukrainischen Privatbank und arbeitet seit ein paar Monaten wieder in Kiew. Führende Einheiten der russischen Armee wurden zuletzt enorm geschwächt. „Die Menschen glauben daran, dass die Russen effektiv besiegt werden können.“

<p>Der Abzug scheint überstürzt: In der Region rund um Charkiw ließen russische Soldaten Panzer und Munition zurück.<span class="copyright"> AFP/Juan Barreto</span></p>

Der Abzug scheint überstürzt: In der Region rund um Charkiw ließen russische Soldaten Panzer und Munition zurück. AFP/Juan Barreto

Die ukrainischen Streitkräfte kommen etwa bei ihrer Offensive in der Region Charkiw weiter gut voran. Teile dieser prestigeträchtigen „1. Gardepanzerarmee“ der Russen hätten sich in der vergangenen Woche aus der Region hastig zurückgezogen. Panzer, Waffen und Munition mussten die Soldaten offenbar zurücklassen. 

Auch die Stimmung in Kiew habe sich gedreht, schildert Bösch. Anfang April war die Hauptstadt der Ukraine noch komplett leer, nur ab und zu waren Soldaten mit Gewehren zu sehen und alle 500 Meter mussten Straßenblockaden passiert werden. Das habe sich vollkommen geändert, schildert der Vorarlberger. Woche für Woche seien mehr Menschen zurückgekehrt. Auch die Schule ist wieder losgegangen. Der Unterricht werde abwechselnd physisch und online abgehalten. Doch der Ausnahmezustand hält an. „Es dürfen nur so viele Kinder in ein Schulgebäude, wie es Plätze in den Luftschutzbunkern gibt. Es gibt also eine Art Rotationsprinzip“, sagt Bösch. Nach wie vor gebe es jeden Tag Luftalarm in Kiew. 

Das Durchhaltevermögen der Ukrainer sei aber überall spürbar, auch in der Wirtschaft. „Ich glaube, dass nahezu überall, wo nicht aktiv gekämpft wird oder Gebiete besetzt sind, mit nahezu voller Kapazität gearbeitet wird. Die Ukrainer arbeiten eher doppelt so viel als normal, um diese Situation zu bewältigen.“ Auch bei den eigenen Mitarbeitern in der Privatbank sei die Motivation groß.

„Ich bin gerne in Kiew“

Wie erlebt Bösch selbst diesen Zwiespalt aus Alltag und Krieg? „Die eigenen Reaktionen kann man nicht wirklich steuern. Ich selbst hatte nie Angst vor den Raketen.“ Der Banker schaut auf die Statistik: „Es kommt in Kiew alle zwei bis drei Wochen eine Rakete auf dem Boden an. Die Wahrscheinlichkeit, dass man in einer Stadt mit vier Millionen Einwohner getroffen wird, ist extrem gering.“ Das sei der rationale Blick. Aber emotional ist das natürlich etwas anderes. Bösch macht eine Pause und ergänzt: „Ich bin aber gerne in Kiew. Auch jetzt.“ Das Leben gehe auch mit dem Bewusstsein weiter, dass in nicht allzu großer Entfernung Menschen sterben: „Es wird fleißig geheiratet, es werden Kinder geboren.“ VN-jus

„Die Ukrainer arbeiten eher doppelt so viel als normal, um diese Situation zu bewältigen.“