Kleinbauer: “Von der Politik sind wir verlassen”

Politik / 22.09.2022 • 21:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Martin und Ilse Hager. <span class="copyright">VN/Paulitsch</span>
Martin und Ilse Hager. VN/Paulitsch

Der Vorarlberger Landwirt Martin Hager ist von der neuen österreichischen Agrarstrategie enttäuscht.

Wien Die EU-Kommission hat Österreich als einem der ersten EU-Länder grünes Licht für den Strategieplan zur Gemeinsamen Agrarpolitik, kurz GAP, gegeben. Konkret stehen ab 2023 rund 1,8 Mrd. Euro pro Jahr für die “Stabilität der heimischen Land- und Forstwirtschaft sowie für die ländliche Entwicklung zur Verfügung”, so Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig (ÖVP). Das wird auch die rund 3000 Bäuerinnen und Bauern in Vorarlberg betreffen. Ein Kritiker ist Martin Hager. Der Landwirt aus Dornbirn-Winsau übt im Gespräch mit den Vorarlberger Nachrichten Kritik: “Meine Interpretation davon ist, dass kleinbäuerliche Strukturen eigentlich egal sind.”

Seit 13 Jahren betreibt er mit seiner Ehefrau Ilse Hager eine Landwirtschaft und produziert unkonventionelles und regionales Fleisch. Aktuell gibt es circa 15 Rinder, zehn Schweine und 30 Schafe am Hof. Der Landwirtschaftsminister hob etwa hervor, dass das Agrarumweltprogramm ÖPUL nun erweitert werden kann: “Über 570 Mio. Euro stehen künftig pro Jahr für freiwillige Umweltleistungen der heimischen Bäuerinnen und Bauern zur Verfügung. Zusätzlich werde die Landwirtschaft in Berg- sowie in benachteiligten Regionen abgesichert.” Die versprochene höhere Förderung für die Alpwirtschaft nennt Hager jedoch eine Augenauswischerei: “Man sagt, es gebe mehr Geld für die Alpwirtschaft, aber der Euro ist weniger wert, weil die Teuerung seit Jahren nicht abgegolten wird.” Irgendwann werde sich entscheiden, ob “wir kleinen Bauern überhaupt noch bereit sind Lebensmittel zu produzieren”.

Kleinbauer: "Von der Politik sind wir verlassen"
Martin Hager hat rund 30 Schafe und einige Kühe und Schweine. Für die Alpwirtschaft tue die Politik zu wenig, kritisiert er.

Konsument sichert nachhaltige Landwirtschaft

Doch Hager will auch etwas Positives hervorheben. Alle Produkte vermarktet die Familie direkt. “Viele Kunden in Vorarlberg wollen genau diese Art von Landwirtschaft am Leben erhalten. Das motiviert uns, weiterzumachen. Wenn die Agrarpolitik meine Motivation wäre, müsste ich die Bude noch heute zusperren.” Jede Kaufentscheidung sei ein Auftrag: “Der Konsument sichert die nachhaltige Lebensmittelproduktion. Von der Politik sind wir verlassen.”

Waitz: Totschnig Erhalter des Status quo

Kritische Töne kommen auch von dem grünen EU-Abgeordneten Thomas Waitz, selbst Landwirt. Es würden weiterhin nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um die kleinstrukturierte Landwirtschaft zu erhalten und die Ökologisierung der Landwirtschaft voranzutreiben. “Landwirtschaftsminister Totschnig beweist sich hier wieder mal als Erhalter des Status quo, der lieber Großbetriebe und Agrarindustriekonzerne bevorzugt”, sagt Waitz den VN.

“Was uns fehlt: Es bräuchte deutlich mehr Maßnahmen bzw. auch höhere Prämien für bodenverbessernde Maßnahmen, die zu höherer Wasserrückhaltefähigkeit, Bodenstruktur, organischer Nährstoffzufuhr und C-Speicherung führen.” Und es sollte deutlich mehr Maßnahmen und höhere Prämiensätze für Biodiversitätsförderung geben, so Waitz.

Auch beim Thema Tierwohl gibt es für Waitz einiges zu bemängeln: “In der Investitionsförderung bräuchte es einen Stopp für Standard-Stallbauten. Förderungen sollten nur noch für Stallbauten mit deutlich erhöhten Tierschutzstandards möglich sein.” Positiv bewertet der EU-Abgeordnete, dass die Tierwohlmaßnahme für Schweine ausgebaut wurden, erstmals eine Förderung für Freilandhaltung kommt und optionale Zuschläge für gentechnikfreie Fütterung und für die Haltung ausschließlich unkupierter Schweine kommt.

Lob aus der ÖVP und von der Landwirtschaftskammer

Landesrat Christian Gantner als derzeitiger Vorsitzender der Landesagrarreferentenkonferenz betonte in einer Aussendung hingegen, dass die Vielzahl an Maßnahmen und Zuschlägen zwar komplex seien, aber flexibel kombinierbare Teilnahmemöglichkeiten erlaube. Lob kommt auch von der Landwirtschaftskammer. Es gebe damit Planbarkeit für die kommenden fünf Jahre, sagt deren Präsident Josef Moosbrugger. Der Dornbirner wertet es zudem als Erfolg, dass die meisten “unpraktikablen Wünsche landwirtschaftsferner Gruppierungen” ausgeräumt werden konnten. Er spricht von einem “zukunftstauglichen Kompromiss aus ökologischen und wirtschaftlichen Notwendigkeiten”.