Julia Ortner

Kommentar

Julia Ortner

Großzügigkeit für Politikmenschen

Politik / 04.10.2022 • 06:29 Uhr / 3 Minuten Lesezeit

In Tirol steppt der Bär. Laut Investigativ-Recherche der Kronen Zeitung hat sich die gebürtige Tirolerin Sigrid Maurer am Tiroler Wahlsonntag vor einer Woche „zu später Stunde – gegen 22.30 Uhr“ auf die ÖVP-Wahlparty in Innsbruck gewagt. „Auch in die Tiroler ÖVP scheint die grüne Klubobfrau engste Kontakte zu haben. Platter begrüßte sie herzlich. Und sie blieb über Mitternacht hinaus auf der ÖVP-Party“, berichtet das Blatt. Sehr fragwürdig, eine Grüne auf einer schwarzen Party, wo kommen wir denn da hin! Für manche Bewohnerinnen und Bewohner der Social-Media-Plattformen ist das schon eine unerhörte Grenzüberschreitung. Obwohl man froh sein muss, wenn man in Innsbruck sonntags nach 22 Uhr überhaupt noch ein Lokal findet, auch wenn dort Menschen anderer Couleur sitzen. Und man doch ein Interesse daran haben sollte, dass sich Politikerinnen und Politiker mit Leuten anderer Weltanschauung zivilisiert unterhalten – es geht ja nicht gleich um den Austausch von Freundschaftsarmbändern.

Die Tiroler Lokalerregung zeigt die Ambivalenz, mit der viele auf ihr Politikpersonal blicken. Die Damen und Herren sollen uns nicht mit Dauer-Streitereien auf die Nerven gehen, sie sollen aber auch nicht unbedingt im Gasthaus miteinander fraternisieren. Politikerinnen und Politiker können es dem Wahlvolk nach allem, was in den vergangenen Jahren im Politikbetrieb passiert ist, kaum mehr recht machen: Sie sind entweder zu abgebrüht oder zu unerfahren, rhetorisch zu auftrainiert oder zu ungeschickt, zu distanziert oder zu anbiedernd.

Reich oder narzisstisch

Im politischen Podcast „Ganz offen gesagt“ bietet Peter Grabner, Professor am FH Campus Wien, jetzt eine nüchterne Analyse des Berufsbilds der Politikerin, des Politikers an: Wer will sich unter immer unerfreulicheren Bedingungen künftig noch die Politik antun? Das könnten vor allem jene sein, bei denen Geld keine Rolle spiele und die sich nicht fürchten müssten, nach der Politik ohne Job auf der Strecke zu bleiben; oder jene, die sehr narzisstisch veranlagt seien. Grabner ortet ein „hohes Angstlevel“ in der Politik und beschreibt den permanenten Wettbewerb, die dauernde Präsenz, die das Leben des Politikpersonals prägen.

Wer will sich unter immer unerfreulicheren Bedingungen künftig noch die Politik antun?

Und er stellt fest, wie gnadenlos wir Medien, aber auch die Zusehenden auf jeden rhetorisch unsouveränen Auftritt eines Politikers, einer Politikerin reagieren: „Hast Du das gesehen?“ Grabner würde sich für Politikmenschen manchmal „ein bisschen Großzügigkeit, ein bisschen Freundlichkeit“ wünschen. Freundlichkeit wäre zu viel verlangt, das ist nicht unsere Aufgabe – doch etwas mehr Menschlichkeit und etwas weniger Verächtlichkeit wären wohl eine bessere Arbeitsgrundlage für alle im politmedialen Betrieb.

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