Kein Jahr wie 2015

Politik / 23.11.2022 • 05:00 Uhr / 5 Minuten Lesezeit
Viele Flüchtlinge kamen über Serbien in die EU. <span class="copyright">AP</span>
Viele Flüchtlinge kamen über Serbien in die EU. AP

Rekordniveau der Asylanträge: Warum sich die Geschichte aber nicht wiederholt.

Schwarzach Die Fluchtbewegung ist eine andere als sie es im Jahr 2015 war. Das hat mehrere Gründe. Außerdem fällt auf, dass sich derzeit weit weniger Flüchtlinge in der Grundversorgung befinden, als Asylanträge gestellt worden sind.

Ist die aktuelle Fluchtbewegung mit jener 2015/16 vergleichbar?

Nein. Die Zahl der Asylanträge ist zwar auf das damalige Niveau – und darüber hinaus – gestiegen. Die Voraussetzungen sind allerdings nicht die gleichen, wie sowohl Ruth Schöffl vom UN-Flüchtlingshochkommissariat (UNHCR) in Österreich als auch Migrationsforscher Gerald Knaus erklären.

Knaus spricht von der "Fluchtursache Putin". <span class="copyright">Francesco Scarpa</span>
Knaus spricht von der "Fluchtursache Putin". Francesco Scarpa

Was ist anders?

Hier gibt es mehrere Faktoren. Einer davon ist der russische Angriffskrieg in der Ukraine, welcher verstärkte Anstrengungen zur Unterbringung von Flüchtlingen in Österreich abverlangt. Über 80.000 Ukrainerinnen und Ukrainer suchten bereits um Schutz an, scheinen aufgrund ihres gesonderten Schutzstatus aber nicht in der offiziellen Asylstatistik auf. Knaus spricht dabei von der „Fluchtursache Putin“.

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Und wer stellt die Asylanträge?

Wie die VN berichteten, zählt Österreich heuer alleine bis Ende Oktober 90.000 Anträge. Die Top-Fünf-Nationen sind Afghanistan (23 Prozent), Syrien (18), Indien (17), Tunesien (13) und Pakistan (8). 2015, als Österreich im gesamten Jahr 88.340 Anträge registrierte, kamen die meisten Asylwerber aus Afghanistan (29 Prozent), Syrien (28), Irak (15), Iran (4) und Pakistan (3). Der Unterschied: Viele der nunmehrigen Asylwerber hielten sich bereits längere Zeit in Griechenland auf, wo sich deren Situation zunehmend verschlechterte. „Dort sind Schutz- und Integrationsmöglichkeiten kaum vorhanden“, erklärt Schöffl. Die Asylsysteme ließen vielerorts zu wünschen übrig. Ungarn, über dessen Landesgrenze die meisten Flüchtlinge nach Österreich kommen, habe „den Zugang zum Asylsystem de facto versperrt“, kritisiert die UNHCR-Sprecherin. Es sei kaum mehr möglich, einen Antrag zu stellen. Auffällig ist auch die hohe Antragszahl von Indern und Tunesiern. Sie stellen weniger eine Gruppe von Schutz- sondern vielmehr von Arbeitssuchenden dar.

Vucic, Orban und Nehammer trafen sich am 3. Oktober in Budapest. <span class="copyright">APA</span>
Vucic, Orban und Nehammer trafen sich am 3. Oktober in Budapest. APA

Welche Rolle spielt bei alldem die visafreie Einreise?

Menschen aus Ländern wie Indien, Tunesien oder Burundi konnten bislang nach Serbien visafrei einreisen. Laut Innenministerium kamen so rund 40 Prozent der Migranten in die EU. Beratungen mit Serbien hätten nun dazu geführt, dass Tunesier seit Sonntag ein Visum für Serbien benötigen. Auch für Burundi hat das Land eine Aufhebung der Visafreiheit beschlossen. Weitere Nationen wie Indien sollen bis Jahresende folgen, erklärte Kanzler Karl Nehammer (ÖVP) nach einem Treffen mit den Regierungschefs von Serbien und Ungarn, Aleksandar Vucic und Victor Orban.

Spiegeln sich die hohen Asylantragszahlen in der Grundversorgung wider?

Nicht unbedingt. Derzeit befinden sich 91.575 Personen in der Grundversorgung, 62 Prozent davon kommen aus der Ukraine. Knapp 34.800 Plätze werden somit von Asylantragsstellern belegt – vorwiegend aus Syrien, Afghanistan und dem Irak. Zu Jahresbeginn waren es 30.221 Asylwerber. Anfang 2016 zählte Österreich 77.999 Menschen in der Grundversorgung.

Die Quartiersuche ist schwierig. In Feldkirch wurden von der Bundesbetreuungsagentur vorsorglich Zelte für Flüchtlinge aufgebaut, bisher aber nicht benötigt.<span class="copyright">VN</span>
Die Quartiersuche ist schwierig. In Feldkirch wurden von der Bundesbetreuungsagentur vorsorglich Zelte für Flüchtlinge aufgebaut, bisher aber nicht benötigt.VN

Warum werden bei rund 90.000 Anträgen nur knapp 34.800 Grundversorgungsplätze benötigt?

Laut UNHCR liegt es wohl vor allem daran, dass eine beträchtliche Zahl von Menschen, die einen Asylantrag stellen, in andere Länder weiterreist.

Wie viele Asylentscheidungen wurden heuer in Österreich getroffen?

105.700. 11.105 davon endeten mit Asyl- und 4405 mit subsidiärem Schutzstatus. 2095 Personen dürfen aus berücksichtigungswürdigen Gründen – zum Beispiel vorbildlicher Integration – in Österreich bleiben. 59.910 Entscheidungen fielen negativ aus. 28.185 Entscheidungen fallen in der Statistik des Innenministeriums in die Kategorie „Sonstiges“. In der Regel bedeutet dies, dass die Asylwerber nicht mehr ausfindig sind oder den Antrag zurückgezogen haben.

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